Als das Radio noch nachhaltig war. Gastbeitrag von Roger Thiriet

2013 jährte sich der Start der ersten Schweizer privaten und kommerziellen Lokalradios am 1. November 1983 zum dreissigsten Mal. alt DRS-Radiodirektor Walter Rüegg und «Radiolegende» und Lokalradiomann der ersten Stunde Roger Thiriet haben zu diesem Jubiläum mit «On Air – 30 Jahre Lokalradio in der Schweiz» deren Geschichte recherchiert und geschrieben.

In seinem Vorwort macht sich Roger Thiriet subjektive Gedanken über die Nachhaltigkeit des Mediums.

«Haben Sie nicht einmal das Wunschkonzert präsentiert?» Noch heute, rund 35 Jahre nach meinem letzten Einsatz als «Wunschkonzertonkel» werde ich auf das legendäre «Radio  Beromünster»-Flaggschiff angesprochen, das ich von 1972 bis 1978 im Wechsel mit der Schweizer Fernseh-Ikone Heidi Abel und unter der redaktionellen Fuchtel der ebenso legendären Hilde Thalmann moderierte. Das montagabendliche «Wunschkonzert» mit seinen Abteilungen «Volkstümlich», «Schlager» und «Klassik» versammelte am Montagabend um 20.00 Uhr alle Generationen und Bevölkerungsschichten der Deutschschweiz vor den Lautsprechern und rezyklierte im Wochentakt selbst erzeugte Megahits wie das «Guggerzyttli», «Schtägeli uf, Schtägeli ab, juhee»  oder den «Nabucco-Chor». Hätte man damals schon Marktanteile gemessen, das «Wuko» der Vor-Lokalradiozeit wäre ein absoluter Quoten-Überflieger gewesen. Wer damals Radio hörte, hörte die DRS 1. Und so brannten sich die Stimmen und Namen, die auf dessen Frequenzen verbreitet wurden, ins kollektive Bewusstsein sein und blieben dort weit über jedes vernünftige Verfalldatum hinaus haften.

«Radio Basilisk, gälle Sy?» Auch ein Vierteljahrhundert nach meiner letzten Morgen-Show am «Basler Radio» muss ich hie und da Baslerinnen und Baslern schonend beibringen, dass ich mein Brot längst anderswo als im Medienhaus am Basler Fischmarkt verdiene. Der Lokalsender, in dessen Startformation ich 1984 einwechselte, entfesselte mit seinem frischen, aktuellen und hörernahen Programm die frenetische Begeisterung einer Bevölkerung, die sich von den zürich- und bernlastigen SRG-Programmen gröblich vernachlässigt gefühlt hatte. Hörerinnen und Hörer jeden Alters und aller sozialen Milieus solidarisierte sich nun mit «ihrem» Radio und seinen Galionsfiguren, pilgerten zu den samstäglichen «Us em Bus und duss»-Live-Sendungen auf den Plätzen von Stadt und Region, brachten sich in «Nachtvogel»-Schnitzeljagden um den Schlaf und  stürmten die «Sommerpläusche» und Grümpelturniere des Senders. Wer in dieser Pionierphase auf den Basler Frequenzen 94,5 MHz und später 107,6 MHz zu hören war, ist in der Wahrnehmung einer ganzen Hörergeneration bis heute ein «Basilisk» geblieben.

«Wann höre ich Sie wieder auf Radio Eviva?» Fünfzehn Jahre nach meiner allerletzten Radiosendung muss ich noch immer Volksmusikliebhaber darauf hinweisen, daß mein Engagement für den ersten Schweizer Satellitensender für Volksmusik und Volkskultur seit 1998 nur noch ein ideelles ist. Der «ErVolkssender» der Curti-Mediengruppe war 1992 unter meiner Leitung in ein Vakuum vorgestossen, in welches das öffentlich-rechtliche Radio der deutschen und der rhätoromanischen Schweiz in den 1980er-Jahren die Volksmusik hatte fallen lassen. Zwei private Kurzversuche auf einer USW.-Frequenz im Raum Zürich  unter der Bezeichnung «Radio Viva» hatten in den Kreisen der Volksmusikbegeisterten und aktiven Musikanten eine beispiellose Welle der Begeisterung ausgelöst. Wer zu diesem Programm beitrug, durfte sich der dankbaren Anerkennung und, wie sich zeigen sollte, nachhaltigen Erinnerung dieses treuen Publikums sicher sein.

Auf nichts von allem, was ich nach meiner Radiozeit in anderen Medien angepackt und geleistet habe, bin ich so häufig und auch nach langer Zeit noch angesprochen worden wie auf die Zeit, als ich im DRS-Wunschkonzert den jungen Deutschweizerinnen im Mädchenpensionat in Lucens die Grüsse ihrer Freunde ausrichtete, bei Radio Basilisk den «Basler Samschtig» moderierte, oder auf Radio Eviva die Top Ten der Schweizer Volksmusik-Stars auf den Zahn fühlte. Schwer vorstellbar, dass Ähnliches meinen Nachfolgerinnen in der heutigen dispersen Landschaft unzähliger formatierter Lokalsender mit hoher Personalrotation zustossen wird.

Roger Thiriet trat nach einem abgeschlossenen phil.-I-Studium als Moderator (Wunschkonzert, Nachtexpress, Hitparade, Agenda) in die Dienste von Radio DRS ein. 1984 wechselte er als Leiter Moderation + Musik und Chef vom Dienst in der Startequipe von Radio Basilisk und leitete von 1988 bis 1992 das gemeinsame Videoproduktionsunternehmen btv von Radio Basilisk und der Basler Zeitung. In deren Verlag war er von 1989 bis 1992 erster Leiter Elektronische Medien. Nach dem Scheitern der TV-Pläne der beiden Basler Medienhäuser ging er als Konzepter und erster Programmleiter des Volksmusikkabelradios «EVIVA» nach Zürich. 1998 machte er sich mit seiner Firma Roger Thiriet Texte selbstständig und schrieb bis 2005 die Drehbücher für die Presse-TV-Sitcom «Café Bâle». Heute betreut er verschiedene Projekte in der Kommunikationsbranche, u.a. als Beauftragter für Information und Medien der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, Kolumnist der «Schweiz am Sonntag“ Basel und als Präsident der Stiftung Telebasel.

Sein Buch “ON AIR” kann man hier bestellen:


Lesen Sie auch den Gastbeitrag von Bobby Bösiger “Euses Radio”:

und das Fundstück “Aktion Neue Stimmen”:

sowie meinen Text für das Buch “Euses Radio”.

Basler Zeitung vom 30.10.2013:

«Das Radio ist heute näher beim Publikum» Robert Bösiger, François Mürner, Roger Thiriet zum Start der Lokalradios vor 30 Jahren und zu ihrer Entwicklung: Artikel

Besprechung in der Basler Zeitung vom 08.11.2013:

30 Interviews zu 30 Jahren Lokalradio

Von Raphael Suter

Im Sommer 1983 bewilligte der Bundesrat 36 Gesuche für Lokalradios. Am 1. November gingen dann sieben Radios auf Sendung, darunter in der Region Radio Basilisk und Radio Raurach. Gleichzeitig startete auch DRS 3. Damit begann eine neue Ära in der Schweizer Radiogeschichte. Die regionalen Sender mit ihrer Hörernähe wurden euphorisch aufgenommen. Und sie erlebten in der Folge Höhen und Tiefen. Basilisk ist bis heute das stärkste Lokalradio der Nordwestschweiz. Raurach wurde alsbald zu Radio Edelweiss, dann zu Radio 1, schliesslich zu Radio Basel und sendet heute mit der gleichen Konzession als Energy Basel.

Zwei mit der (regionalen) Radiolandschaft bestens vertraute Medienleute haben sich darangemacht, die Geschichte von 30 Jahren Lokalradio aufzurollen. Der einstige BaZ-Verlagsdirektor und Direktor von Schweizer Radio DRS, Walter Rüegg, und Roger Thiriet, der ab 1984 bei Radio Basilisk Leiter Moderation und Musik war und heute Kommunikationsunternehmer ist, wollten kein Geschichtsbuch schreiben. Stattdessen stellten sie jene Form in den Vordergrund, die dem Medium Radio am gerechtesten wird: das Gespräch.

So entstanden 30 Interviews mit 30 Persönlichkeiten aus der Radioszene. Natürlich fehlen die Macher der ersten Stunde nicht, etwa Christian Heeb, der zugibt, dass er das Glück hatte, im richtigen Moment am richtigen Ort gewesen zu sein. «Wäre ich in Basel nur etwas später oder ein wenig früher aufgetaucht, hätte ich keine Chance gehabt, einen solchen Sender aufzubauen», sagt er im Gespräch mit Roger Thiriet. Enttäuscht gibt sich Radio­pionier Heeb bezüglich des Qualitätsjournalismus bei den Privaten: «So ­hatten wir uns die neue Vielfalt nicht vorgestellt. Ziel klar verfehlt, hier bin ich enttäuscht.»

Interessant ist auch das Interview mit dem einstigen BaZ-Verleger und heutigen Besitzer von Radio Basilisk, Mat­thias Hagemann. Er schildert, wie wenig die Verleger vom Radiogeschäft verstanden und keinen emotionalen Bezug zum lokalen Radio hatten. Trotzdem kauften die grossen Medienunternehmen Lokalradios auf. Inzwischen haben sie sie meistens wieder abgestos­sen, weil sich das Radiogeschäft als zu wenig profitabel erwies. Einzige Ausnahme sind laut Hagemann die AZ-Medien von Peter Wanner, «die kaufen alles, was auf dem Markt ist. Mit welchem Geld, würde mich sehr interessieren, denn das Unternehmen selbst gibt das zumindest meiner Vermutung nach nicht her.»

Radio-X-Geschäftsführer Tom Jenny weist auf die Grundausbildung hin, die sein Sender anbietet und von der die anderen privaten wie staatlichen Radios profitieren. Giuseppe Scaglione, CEO von Music First Network (Radio 105, Monte Carlo), berichtet von den Schwierigkeiten und Chancen, Radio ohne UKW-Frequenz zu machen. Dass die Radio-Geschichte weitergeht, zeigt sich bei Scaglione darin, dass er im Dezember ein weiteres Radio für die Deutschschweiz lanciert.

Hand- und Hörbuch

Das Buch «On Air – Dreissig Jahre Lokalradio in der Schweiz» ist eine Art Hand- und Hörbuch, denn neben den Interviews werden alle Sender der Schweizer Radiolandschaft kurz porträtiert und mittels Quick-Response-Codes können über Smartphones Hörbeispiele abgerufen werden. Hilfreich, wenn auch nicht vollständig ist die Chronologie der medienpolitischen Entscheide von 1983 bis 2013. So fehlt etwa der Übertrag der Basilisk-Konzession an die Tamedia AG.

Die wohl grösste Eigenleistung neben den Interviews und dem Zahlenmaterial ist die Analyse von Walter Rüegg über die vergangenen 30 Jahre Lokal­radios im Clinch mit der Medienpolitik. Die Sender waren allerlei Vorschriften und Einschränkungen vonseiten des Bundes unterworfen und sahen sich gegenüber dem staatlichen Sender stets im Nachteil. Nach Rüeggs Meinung hat sich das für die Radios zuständige Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) «auf eine zurückhaltende und verwaltende Rolle zurückgezogen». Die Radios würden heute keine Heraus­forderung für die Politik mehr bedeuten. «Sie sind im Medienangebot eine Selbstverständlichkeit geworden, um ihre Zukunft müssen wir uns keine ­Sorgen machen», prognostiziert Walter Rüegg.

Das Buch weckt vor allem durch den illustrativen Teil auch nostalgische Erinnerungen. Vor 30 Jahren sahen eben auch Roger Schawinski, Christian Heeb und Peter Küng noch etwas anders aus als heute. Amüsant ist auch die Galerie «Les Vedettes» mit Mediengrössen, die in der Lokalradioszene heranwuchsen – etwa Rainer Maria Salzgeber (Radio Rottu), Heinz Margot (Radio Basilisk) oder Roman Kilchs­perger (Radio 24). Das Lokalradio war eben auch eine Kaderschmiede.

Walter Rüegg/ Roger Thiriet (Hg.): On Air – Dreissig Jahre Lokalradio in der Schweiz. Christoph Merian ­Verlag Basel. 384 Seiten, 39 Franken.


 


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Rainer Luginbühl

Journalist BR, Basel