Die Basler Chemie (am Rhein)

«… Neben dem Rhein, der Altstadt, den vielen Museen, dem Münster und den Fähren ist die Industriekulisse von Basel dasjenige, was mich am meisten beeindruckt hat.» Mein Gast aus Übersee nahm die Chemische Industrie am Rhein quasi als Touristenattraktion wahr. Den Blick von der Pfalz flussabwärts zu den Kaminen, Industrieanlagen und Verwaltungsgebäuden empfand er überhaupt nicht als störend – im Gegenteil, er konnte dem Panorama eine ganz eigene Schönheit abgewinnen: «Wie die Industrie in das Stadtbild integriert ist, gefällt mir sehr gut». Mein Bekannter aus Boston, Massachusetts, in den USA, muss es wissen: Er ist Chemiker und kennt vergleichbare Industrieanlagen in der ganzen Welt. «Ich finde es erstaunlich, dass hier der mittelalterliche Stadtkern erhalten geblieben ist und die Industrie trotzdem in die Stadt integriert werden konnte», lobte mein Besuch die Basler Skyline.

Im Kanton Basel-Stadt sind die chemische und pharmazeutische Industrie nicht nur von nationaler Bedeutung, sie haben auch direkt mit unserem Thema «Basel und der Rhein» zu tun: Ohne diese Industrie gäbe es keine prosperierende Region Basel, ohne den Rhein hätten wir diese Industrie nicht. Das Rheinknie war – und ist – für diese Betriebe ein denkbar günstiger Standort. Auf der offiziellen Website der Stadt wird das so formuliert: «Basel ist Hauptsitz vieler erfolgreicher Global Players der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Zusammen mit kleineren Unternehmen bilden sie einen vermutlich einzigartigen industriellen Cluster, der Basel zu einem führenden Life-Sciences- und Chemie-Standort macht».

Die Wirtschaftsförderung Basel-Stadt & Baselland listet weitere Vorteile der geografischen Lage auf:

«Wichtige Teile der Agglomeration Basel liegen im deutschen Südbaden und im französischen Elsass. Die Distanzen sind kurz, die deutsche Sprache und gemeinsame Infrastrukturen verbinden. Weltkonzerne und über 50’000 grenzüberschreitende Arbeitnehmer machen die Region Basel weltoffen, tolerant und international.»

Am Anfang der Industrialisierung Basels standen die Seidenband- und die Farbindustrie. In der Folge entwickelten sich die Färberei, die Fabrikation von Textilfarbstoffen, Pharmazeutika, Pflanzenschutz- und Düngemitteln und schliesslich das, was man heute unter Life-Sciences versteht: Ein Forschungszweig, der mit wissenschaftlichen Erkenntnissen der modernen Biologie, der Chemie und der Medizin gezielt marktwirtschaftlich orientiert arbeitet. Während sich im 18. Jahrhundert die Ostschweiz auf die Herstellung von Textilmaschinen konzentrierte, wurden in der Region Basel und im angrenzenden Elsass die Stoffe produziert und gefärbt.

Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts beschäftigte die Seidenbandweberei in der Region etwa einen Drittel der Bevölkerung von Stadt und Land – also etwa gleich viel, wie heute die Chemie- und Pharmaindustrie. Die Nähe des Rheins war wegen des Wassers für die Produktion und als Transportweg von existenzieller Bedeutung. Der Fluss wurde aber auch – wie damals üblich – zur Entsorgung von Abfällen aller Art genutzt.

Als in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten künstlichen Farbstoffe auf den Markt gelangten und neuartige Färbverfahren entwickelt wurden, setzte in Basel ein regelrechter Wirtschaftsboom ein. Der wirtschaftliche Erfolg und die damit verbundene Produktionssteigerung hatte aber auch seine Schattenseiten. Für die unter gesundheitlichen Folgeschäden leidenden Mitarbeiter, die unter Emissionen leidende Bevölkerung, und nicht zuletzt für den Rhein: Bis in die Fünfzigerjahre wurden sämtliche festen und flüssigen Abfälle der Industrie bedenkenlos in den Rhein gekippt. Mit dem direkten Einleiten von Abwasser in den Fluss entledigten sich die Fabriken praktisch kostenlos ihrer Abfallprobleme. Dass der Rhein bei Basel eine besonders hohe Fliessgeschwindigkeit aufwies, begünstigte diese Praxis. Aus den Augen, aus dem Sinn, war die Devise. Mit dem Bau der Schleuse bei Kembs, 1945, begann sich der feste Müll vor der Schleuse zu stauen und lagerte sich auf dem Flussboden ab. In der Folge begann man den Abfall in Kiesgruben der Gegend (z.B in Weil, Grenzach und Muttenz) zu deponieren. Aber auch diese Art der Entsorgung war nicht von Dauer, weil die Gifte in das Grundwasser einsickerten. Die Umweltschutzbewegung der 1970er Jahre bewirkte ein neues Umweltbewusstsein – sowohl bei der Bevölkerung, als auch bei den internationalen Konzernleitungen – und verschiedene Katastrophen führten zu einem Umdenken. Nach dem verheerenden Brandunfall bei Schweizerhalle 1986 wurden neue Entsorgungskonzepte erarbeitet, die schon bald zu einer messbaren Verminderung der Umweltbelastung, namentlich zu einer Verbesserung der Wasserqualität des Rheins beitrugen. Der Fischbestand ist in der Zwischenzeit mindestens so gut, wenn nicht besser, als vor der Katastrophe.

Die Produktpalette der Basler Chemie wurde stetig weiterentwickelt und ausgebaut. Nicht ohne Stolz berichtet das offizielle Basel auf seiner Webseite: «Hatte Basel früher einen Namen als Chemie- und Industriemetropole, so hat sich dieses Bild im Laufe der Jahre verändert: Die hier ansässigen Unternehmen verlagerten im Zuge der Globalisierung die Aktivitäten an ihrem Hauptsitz in Basel weg von der Produktion und hin zur Forschung. Basels Chemie- und Pharmaforschung geniesst heute Weltruf. Die enorme Forschungs- und Innovationskraft Basels kommt auch in der grossen Zahl von Nobelpreisträgern, einer der höchsten Patentdichten der Welt und in der Spitzenmedizin am Universitätsspital zum Ausdruck.»

Was Mitte des 19. Jahrhunderts mit Firmen wie Sandoz, Ciba, Geigy und Hoffmann-La Roche begann, wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts durch Fusionen und Zukäufe zur Erfolgsgeschichte weltweit erfolgreicher Konzerne wie Novartis, Roche, Syngenta, Clariant, Ciba Spezialitätenchemie, oder die Lonza-Gruppe. Nicht zu vergessen die vielen, auch international aufstrebenden KMU (Kleine und mittlere Unternehmungen), sowie eine grosse Zahl von kleineren Firmen und Zulieferern, die am Rheinknie ansässig sind und den Ruf einer innovativen Region in die Welt tragen.

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Rainer Luginbühl

Journalist BR, Basel