Exklusiv: “Euses Radio”. Gastbeitrag von Robert “Bobby” Bösiger

Was die Huffington-Post kann, können wir schon lange: Kollegen einladen, die dann kostenlos für den eigenen Blog einen Artikel schreiben. Hier die bisherigen Beiträge in dieser Rubrik.

Heute ist es eine Art exklusive Vorschau auf ein Ereignis:

Am 1. November 2013 werden die Schweizer Lokalradios (mit Ausnahme von Radio 24, das als Piratensender bereits 5 Jahre vorher auf Sendung ging und ab 1. Nov 1983 offiziell nach Zürich zog) 30 Jahre alt. Es wird gefestet, Offene Türen der Studios (interessiert das noch jemanden?) werden für das Publikum organisiert – und es erscheinen Publikationen zum Thema. So auch über das (ex-) Lokalradio für das Baselbiet. Robert Bösiger war im Startteam – damals noch in Sissach – und ist heute Mitherausgeber dieses Buchs, das er uns hier kurz vorstellt:

EUSES RADIO

Radio Raurach – vom Werden und Verschwinden eines Baselbieter Lokalradios

Fünf verschiedene Sendernamen, drei Mal umgezogen – beim letzten Mal sogar über die Kantonsgrenze hinweg nach Basel-Stadt: Die Rede ist vom ehemals ersten und einzigen Baselbieter Lokalradio Raurach. Gleich mehrfach geändert haben sich auch die Besitzverhältnisse und damit die prägenden Personen. Und fast ebenso oft hat sich das Radio damit wieder neu erfinden und ausrichten müssen.

Heute steht fest: Kein Privatradio in der Schweiz hat eine derart wechselvolle Geschichte hinter sich wie das ehemalige Baselbieter Lokalradio. Doch so zahlreich die Höhen und Tiefen sind, so faszinierend und spannend präsentieren sich die drei Jahrzehnte regionale Medien-, Gesellschaftsund Kulturgeschichte. Am 1. November 1983 ging Radio Raurach auf Sendung, zusammen mit sechs anderen Stationen in der Schweiz und DRS 3.

Das Buch „Euses Radio“ führt zurück in eine Zeit, wo das Medium Radio eine neue Freiheit verhiess und so eine unvergleichliche Faszination ausübte. Das Buch zeigt auf, wie Radio Raurach – ursprünglich ein Piratenradio – dank Schützenhilfe aus der Politik letztlich zu einem legalen Sender wurde. Und wie hart und beharrlich die Verantwortlichen arbeiten mussten, um das neue Medium am Leben zu halten. Das Buch lässt die Höhepunkte ebenso aufleben wie die regelmässig wiederkehrenden oft existenzbedrohenden Krisenphasen. Mehr als zwei Dutzend Autorinnen und Autoren beleuchten Radio Raurach und seine Nachfolgestationen von unterschiedlicher Seite – Aha-Erlebnisse inklusive.

Robert Bösiger ist Nationalökonom und hat langjährige Erfahrung als Medienschaffender. Er war Geschäftsführer und Chefredaktor beim ehemaligen “Radio Raurach”, Redaktor bei der “Basellandschaftlichen Zeitung”, Chefredaktor und Verlagsleiter bei der “Volksstimme” sowie Ressortleiter und Mitglied der Redaktionsleitung bei der “Basler Zeitung”. Robert Bösiger ist auch als Verlagsleiter von EDITO sowie für Schaub Medien in Sissach BL tätig.

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag für das Buch:

Artikel zum Buch in “Der Sonntag” vom 27.10.2013

Das Buch wird von einer Webseite begleitet, die weitere Ton- und Schriftdokumente der wechselvollen Geschichte von Radio Raurach präsentiert. Hier kann man auch das Buch bestellen.

Nachstehender Artikel erschien in der Basler Zeitung vom 14.11.2013:

Land | Seite 20


Ein persönlicher Blick zurück in die nahe und fernere Vergangenheit von Radio Raurach

Von lauten und leisen Tönen

Von Robert Bösiger

Liestal. Je näher der 1. November kam, desto komischer war mir zumute. Déjà-vu, das wäre der falsche Begriff. Rückblende, rewind, das trifft es schon eher. Dann war er da – DER Tag: Freitag, 1. November 2013. Ein rundes Jubiläum ja, aber bloss ein Datum, und nicht einmal der gleiche Wochentag wie damals, der erste Novembertag im Jahr 1983 fiel auf einen Dienstag. Und dennoch: Am 1. November 1983, auf den Tag genau vor 30 Jahren, sind wir mit Radio Raurach aufgebrochen. Als erstes Baselbieter Lokalradio, von Sissach im Oberbaselbiet aus.

Die Wochen und Monate zuvor waren total verrückt. Seit uns der Bundesrat am 20. Juni 1983 mit seiner Botschaft überrumpelte, wir könnten nun ganz legal mit einer Versuchsbewilligung Radio machen, war der Teufel los: Leute anheuern (die raren Profis auf dem Markt entschieden sich für den Konkurrenzsender Basilisk). Studio­lokalität suchen, Einrichtungen kaufen und installieren. Organisation aufbauen, Geld beschaffen, Betriebs­gesellschaft gründen. Programm aus dem Boden stampfen – ohne Vorkenntnisse und null Erfahrungen. Technische Probleme lösen, Platten einkaufen, Schreibmaschinen besorgen und so weiter.

Und nun standen wir also im Studio 1 an diesem Dienstag, 1. November 1983. Es war 6 Uhr morgens, als Barbara Koch, die erste Baselbieter Radiomoderatorin, die (vermuteten) Hörerinnen und Hörer begrüsste. Karl Flubacher (1921–1992), FDP-Nationalrat, Bauunternehmer und erster Raurach-Verwaltungsratspräsident, gab sein Bekenntnis ab für ein Baselbieter Radio, das für jeden und alle da sein werde. Dieser erste Tag im Leben «unseres» jungen Mediums wurde zu einem unvergleichlichen Mix aus Chaos, Euphorie, Feuerwehrübung, Adrenalin, Traum, Stolz und Freude. Und abends liessen wir es in der «Sonne» zu Sissach gehörig krachen – zusammen mit zahlreichen Gästen aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Sport. Wir hatten es geschafft! Das SRG-Monopol war endlich gebrochen. Und endlich – endlich! – hatten wir unsere Musik, unsere lokalen Inhalte, unser Radio für unsere Baselbieter Bevölkerung.

Der Höhenflug überdauerte einige Wochen. Doch schon gegen Ende Jahr 1983 begann uns zu dämmern, was da noch kommen würde: Unser Budget war wegen fehlender Werbeeinnahmen bereits Makulatur, und Flubacher und Co. mussten ein erstes Mal auf die Suche nach Geldgebern gehen. Das Radio stand, kaum geboren, bereits auf der Kippe. Was die Jahre und Jahrzehnte danach brachten, wissen wir: fünf verschiedene Sendernamen, drei- mal umgezogen (beim letzten Mal sogar über die Kantonsgrenze hinweg nach Basel-Stadt), mehrere Besitzerwechsel, Dutzende Führungs- und Strategiewechsel. Und dazwischen immer und immer wieder die entscheidende Frage: Schafft es der Sender noch einmal, zu überleben?

2013: Mit jedem Dokument, das Jürg Schneider und ich für das entstehende Buch gesichtet haben, mit jedem geführten Telefonat, mit jedem Mail und mit jeder Recherche wurden wir ein Stück weit mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Neben Schönem und Unvergesslichem tauchten plötzlich (wieder) alte Schatten auf: Intrigen und undurchsichtige Aktionen. Umstürze und Machtwechsel. Geld­segen und Schadensbegrenzungen. Erfolge und Tiefschläge. Die Büchse der Pandora war geöffnet, und unsere Neugier wurde täglich grösser. Doch die Fülle an Informationen und Eindrücken bedeutete auch schlaflose Nächte. Würden wir es (mit Unterstützung einiger Autorinnen und Autoren) in dieser kurzen Zeit schaffen, ein Bild vom einzigen Baselbieter Lokalradio zu zeichnen, das sowohl umfassend als auch offen und ehrlich sein würde? Würden wir es schaffen, schonungslos «Geschichte zu schreiben», ohne die damals vorhandene Faszination unter den Scheffel zu stellen?

Nun ist das Buch da. Es birgt Erkenntnisse, beleuchtet drei Jahrzehnte Baselbieter Medien-, Gesellschafts- und Politikgeschichte, beantwortet aber ganz sicher nicht alle Fragen restlos. Der 1. November 2013 ist passé. Und das komische Gefühl hat sich verflüchtigt. Genau wie das ehemalige Baselbieter Radio Raurach: «Euses Radio» ist nur noch Geschichte – zwischen Buchdeckeln.

«Euses Radio: Radio Raurach – vom Werden und Verschwinden eines Baselbieter Lokal­radios» Robert Bösiger und Jürg Schneider (Hrsg.); Verlag Basel-Landschaft, 2013. Erhältlich ab sofort im Buchhandel. www.radio-raurach.ch

 


 

© National-Zeitung und Basler Nachrichten AG


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Rainer Luginbühl

Journalist BR, Basel