Wasserfahren

Interview Roland Häuselmann, Wasserfahrer

Der Waidlig

Es faart e Waidlig uff em Ryy,

er schlittlet iber d Schnälle

so gluschtig, Oo, wärm echt nit dryy!

Jetzt danzt er uff de Wälle.

Und epper us em Schiffli winggt,

en unbikannte Brueder.

Wohäär? Wohii? Vo wytem glingt

E Lied zum Thaggt vom Rueder.

E sinnig Lied vom Haimedland,

wo weermt as wien e Sunne.

Bald winggt am Rhyyboord jeedi Hand.

Wie schnäll sind Häärze gwunne!

Anne Keller 1944 (1879-1962)

Wasserfahrer in Aktion:

Rheinbilder klein – 204Sie sind ein vertrautes Bild am Rheinufer: die schlanken Boote, Weidlinge genannt, die am Ufer vertäut oder in Aktion auf dem Fluss zu sehen sind. Den Sport, den man mit den Weidlingen ausführt, nennt man Wasserfahren. Das Wasserfahren geht auf die bis ins frühe 20. Jahrhundert betriebene Flösserei zurück. Aus der Zollverordnung von Koblenz (CH) geht hervor, dass das Wasserfahren berufsmässig bereits um 1200 rege betrieben wurde. Wer sich zum Schiffer ausbilden lassen wollte, hatte zuerst als Ruderknecht zu dienen, bevor er die Schiffe fahren durfte. Wenn er dann zum Schiffsmeister befördert und in die Zunft aufgenommen wurde, hatte er eine Lehrzeit von 4 Jahren hinter sich.

Das Wasserfahren ist bis heute nicht nur eine Schweizer Spezialität, sondern auch eine Männerdomäne; nur wenige Frauen wagen sich an diesen kräftezehrenden Sport – wenn sie überhaupt einen Verein finden, der sie aufnimmt. In der Schweiz gibt es 29 Wasserfahrvereine, die sich im Schweizer Wasserfahrverband (SWV) zusammengeschlossen haben, welcher seinerseits «Swiss Olympic» angehört, der Dachorganisation der Schweizer Sportverbände. Daneben gibt es noch den militärischen Schweizerischen Pontonierfahrverband (SPFV). Die beiden Verbände vereinigen 2000 bis 2500 aktive Wasserfahrer.

Rheinbilder klein – 176Das Vereinsleben wird bei den Wasserfahrern intensiv gepflegt. An lauschigen Sommerabenden trifft man die Sportler zum Beispiel am Unteren Rheinweg vor ihrer Klause – wenn sie nicht gerade auf dem Rhein sind. Roland Häuselmann verbringt viel Zeit auf dem Rhein. Seit dreissig Jahren ist er eingetragenes Mitglied beim Wasserfahrverein Horburg und war ab 1999 für ein paar Jahre dessen Präsident. Damals verbrachte er auch ein paar Stunden im Monat am Schreibtisch für seinen Verein. «Allerdings ungern. Ich bin lieber auf dem Wasser», verrät er bereits am Telefon. Er und sein WFV Horburg haben in allen Kategorien des Sports Erfolge in den vorderen Rängen auszuweisen. Gerade kommt er von einer Fahrt zurück und setzt sich schwitzend und mit breitem Lachen an den schattigen Tisch am Ufer, oberhalb des Ankerplatzes. Sein Händedruck ist kräftig. Ein halber Liter Mineralwasser steht bereits vor ihm und er fragt: «Was wottsch wüsse?»

Was fasziniert Sie am Wasserfahren?

Mit 8 Jahren habe ich mit Kunstturnen begonnen, konnte mich damit aber nie so richtig anfreunden. Mit 12 wechselte ich dann zu den Wasserfahrern und war gleich im Element. Das faszinierende an diesem Sport liegt für mich in der Bewegung in der freien Natur. Auf dem Wasser. Ich verbringe viel Zeit am und auf dem Wasser.

Können Sie uns Ihr Sportgerät, den «Weidlig», kurz vorstellen … ?

Die heutigen «Weidlig» sind aus Kunststoff (Polyester, GFK) und haben eine Länge von 10 Metern. Zur Ausstattung gehören Ruder, Stachel, Ruderkreuz (auch Rudernagel genannt) und Sasse (Wasserschöpfer). Das Boot wiegt rund 350 kg. Gefahren wird der Weidling – im Training und an den Wettfahrten – in der Regel mit einer Zweierbesatzung: Steuermann und Vorderfahrer. Er kann aber auch alleine gefahren werden. Im Gegensatz zu den vielen Arten von Ruderbooten, in denen man mit Blick zurück sitzt, wird der Weidling stehend, mit Blick nach vorne gefahren. Übrigens: Früher waren die Weidlinge aus Holz. Ab Mitte der 70er-Jahre wurden die Holzweidlinge in den Vereinen kontinuierlich durch Kunstoffweidlinge ersetzt.

Der Begriff Weidling kommt von «Weidli» , «Weidela», was soviel bedeutet wie «wie im Wasser fahren».…und wie «fährt» man damit?

Der Weidling wird mit dem Ruder oder Stachel vorwärts bewegt. Das Wasserfahren wird meist auf fliessenden Gewässern ausgeübt. Flussaufwärts wird der Weidlig mit dem Stachel bewegt. Flussabwärts oder zur Überfahrt im tiefen Wasser wird das Ruder verwendet. Das Ruder wird dabei im Ruderkreuz angelegt.

Der Fluss war früher Arbeitsplatz für Schiffer, Fischer und Flösser – nicht nur in Basel. Warum gehören die Wasserfahrer mit ihren Weidlingen bei uns immer noch zum Leben auf dem Rhein, und anderswo schon lange nicht mehr?

Das stimmt so nicht – wenigstens nicht für die Schweiz. Bei uns gibt es heute noch an allen grossen Flüssen wie Rhein, Aare, Reuss und Limmat Wasserfahrvereine. Die ältesten Vereine sind aus den einstigen Schiffern, Flösser und Fischerzünften hervorgegangen, die früher einen grossen Teil des Personen- und Warenverkehrs abgewickelt haben. Nach der Einführung von modernen Verkehrsmitteln wurde das Wasserfahren als Sport und Freizeitbeschäftigung weitergeführt. Wasserfahrvereine im Ausland sind mir nicht bekannt.

Die ersten Wasserfahrvereine gibt es in Basel bereits seit 1354, damals noch als eine Art Berufsverband der Fischer und der Schiffer. Ihr Sportverein ist gerade 100 Jahre alt geworden. Haben Sie Nachwuchsprobleme?

Ja, wir betreiben unseren Sport in einer langen Tradition: Ein grosser Teil des Personen- und Warenverkehrs wurde durch die erwähnten Zünfte über Jahrhunderte hinweg auf Seen und Flüssen mit Weidlingen und Langschiffen abgewickelt. Der Wasserweg galt als schnellster Transportweg seiner Zeit. Der Bau von Kraftwerken und die Einführung moderner Transportmittel wie z.B. der Eisenbahn bedeutete das Ende für den grossen Teil dieser Zünfte. In der Folge entstanden Vereine, die das Wasserfahrerhandwerk weiter ausübten und Wettfahrten durchführten. Als erster Verein wurde im Jahre 1869 der Limmat-Club Zürich gegründet. Es folgte 1876 der Rhein-Club Rheinfelden und 1883 der Rhein-Club Basel.

IMG_0567aDer Wasserfahrverein Horburg feierte 2012 sein 105-Jahr- Jubiläum. Natürlich haben auch wir Probleme, die Jungen von den Spielkonsolen und Fernsehgeräten weg zu locken. Wer dann aber mal die Faszination des Sports und die gute Stimmung beim geselligen Zusammensein erlebt hat, bleibt auch bei uns.

 

 

 

Wenn wir gerade bei der Geschichte sind … was hat es eigentlich mit der «Hirsebreifahrt» auf sich?

Das ist auch eine alte Tradition: Als das befreundete Strassburg sich einmal abschätzig über den Wert der Partnerschaft mit Zürich äusserte, nahmen das einige Zürcher zum Anlass, den Strassburgern zu zeigen, wie schnell Hilfe vor Ort sein könnte. Im Jahre 1456 stachen also eines Abends stolze Zürcher auf einem Langschiff mit einem heissen Topf Hirsebrei in die Limmat. Damals war der Weg den Fluss hinunter noch wild. Einige Stromschnellen haben die Reise noch mehr beschleunigt. Und so kam es, dass der Hirsebrei, als die Zürcher rund 22 Stunden später in Strassburg ankamen, noch dampfte und so den Strassburgern der Wert des Bündnisses mit Zürich klar gemacht werden konnte. Seit 1946 führte der Limmat-Club alle 10 Jahre eine Hirsebreifahrt durch, ausser 1966. Die letzte Hirsebreifahrt fand 2006 statt. Wegen den vielen Wehrs und Schleusen, die überwunden werden müssen, dauert die Fahrt inzwischen allerdings etwa zweieinhalb Tage.

Was meinen Sie, wird es den Sport in 100 Jahren immer noch geben?

Ich hoffe, es wird auch in ferner Zukunft Wasserfahrvereine geben, obwohl die Entwicklung am Rhein und in Basel für uns Wasserfahrer nicht sehr günstig ist: Die Rheinpromenade wird immer mehr ausgebaut und saniert. Sie soll verschönert werden, um möglichst vielen Menschen einen Erholungsraum zu bieten. Das ist okay so. Aber obwohl wir Wasserfahrer in diese Arbeiten einbezogen werden, müssen wir mit immer mehr Hindernissen wie künstlichem Steinschlag, künstlich aufgeschütteten Kiesstränden, Badetreppen und anderen Hindernisse kämpfen. Unser natürliches Trainingsgelände verschwindet immer mehr. Das ist, wie wenn man auf einem Fussballplatz anfängt Bäume zu pflanzen und die Spieler werden aufgefordert, drum herum zu spielen…

Fühlen Sie sich bei der Ausübung Ihres Sports von den Behörden behindert?

Auf jeden Fall nicht unterstützt. Ein Beispiel: Wir Wasserfahrer organisieren bei unseren Wettfahrten jeweils eine Festwirtschaft, um den Anlass auch finanzieren zu können. In den letzten Jahren sind die Abgaben an die Stadt für die Allmendbenützung und etliche Bewilligungen exorbitant gestiegen. Dadurch wird es in Zukunft immer schwerer, einen solchen Anlass überhaupt noch rentabel zu gestalten.

Diese Entwicklung macht uns noch viel mehr Sorgen als die anderen Behinderungen. Wenn das so weiter geht, sind die Wasserfahrvereine in ihrer Existenz bedroht.

Zurück zum Weidling. Was kostet so ein Schiff?

Die Kosten für einen neuen Weidling sind in den letzten Jahren, bedingt durch umweltfreundliche, aber kostenintensive Herstellungsverfahren und hohe Lösungsmittelabgaben an den Bund, weiter angestiegen. Auch die Auflagen an den Auftrieb des verwendeten Materials sind gewachsen. Ein Weidling nach neusten Normen kostet rund 24`000.- Franken.

Sie messen sich immer wieder im Wettkampf auf dem Rhein. Gibt es auch Meisterschaften?

Es finden aber jährlich mehrere nationale Weidlings-Wettfahren bei unterschiedlichen Vereinen an Rhein, Limmat, Aare oder Reuss statt.

Im Turnus von 3 Jahren finden jeweils eine Schweizermeisterschaft im Paarfahren und eine Schweizermeisterschaft im Einzelfahren statt, an denen sämtliche
29 Vereine der Schweiz teilnehmen.

Bei den Wasserfahrern gilt ein bestimmter Leitsatz…

Wir haben sogar mehrere (grinst): Ein Leitsatz, der bei uns Wasserfahrern sehr wichtig ist, lautet: «Erst denk, dann lenk». Nur, wer das Wasser richtig lesen kann, Strömungen und Hinterwasser richtig einschätzen kann und im Schiff auf diese Hindernisse richtig reagieren kann, wird erfolgreich sein. Nur Kraft alleine macht keinen guten Wasserfahrer. Die Technik und das Gefühl für das Wasser sind ebenso wichtig!

Weitere Leitsätze sind «Den Wellen zum Trutz dem nächsten zum Schutz» und «Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt». Das sind Richtlinien, die man auch sonst im Leben beherzigen kann.

Roland Häuselmann wurde 1965 in Basel geboren.

Nach seiner Ausbildung zum Radio- und TV-Elektriker absolvierte er 1985 die Rekrutenschule als Pontonier in Bremgarten. Seit seiner Weiterbildung zum Fernmeldespezialisten ist er im «Customer Engineering» bei der Swisscom tätig. Häuselmann ist verheiratet und Vater von drei Kindern. 1978 erfolgte die Mitgliedschaft beim Wasserfahrverein Horburg, dem er ab 1999 als Präsident vorstand. Als Junior war er einige Male Basler Meister und belegte schon den dritten Platz bei einer Schweizermeisterschaft. Er hat mehr als nur eine Wettfahrt im 1. Rang gewonnen. Roland Häuselmann ist Tambour bei der Fasnachtsclique «Muggedätscher» und Mitglied des Spiels der drei Ehrengesellschaften Kleinbasel.

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Webseite Schweizer Wasserfahrverband

Wasserfahrverein Horburg

Rainer Luginbühl

Journalist BR, Basel