#Fundstück: Roll over Beethoven. Der Klassik-Klau geht um

Beethoven

Der nachstehende Artikel wurde 1991 im Schweizer “Music Scene” veröffentlicht. Nach Stationen bei Radio DRS und Basilisk, wechselte ich als Redaktor und Moderator zum ersten Klassik-Satelliten-Radio “Opus Radio” von Roger Schawinski. Die angesprochenen Musikbeispiele sind auf Clips auf Youtube verlinkt. Der Originalartikel ist am Ende des Beitrags als PDF angehängt.

Ist’s nun wirklich eine Art Renaissance der klassischen Musik? Oder eben doch nur ein urheberrechtliche legaler Idee-Klau? Tatsache ist, dass die Klassik, oder das, was man dafür hält, im  Trend liegt.

Popper geben sich klassisch: Der Barocker Nigel Kennedy stürmt mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ die Pop-Charts und verkauft weltweit immerhin rund eine Million Exemplare (auch das Video avancierte zum Hit). Rondo Veneziano gehen sich beim Kostümverleiher einkleiden,legen unter Vivaldis Kompositionen einen Computer-Beat und garnieren damit Platin-Schallplatten zuhauf. Der Klassiksampler „Die Superhits der letzten 300 Jahre“ und Enigma mit Zitaten aus Gregorianischen Gesängen stapeln sich neben Phil Collins und Tina Turner. Aus „U“ wie Unterhaltungsmusik und „E“ wie Ernste Musik wird Weltmusik der neuen Art. Die Grenzen sind fliessend: Luciano Pavarotti erscheint mit Puccinis „Nessun`dorma“ in den Pop-Hitlisten, Friedrich Gulda als Dirigent der Jeans-Generation, und Ex-Sex Pistols-Manager Malcolm McLaren vergreift sich an „Madame Butterfly“. Neue Absatzmärkte werden erschlossen. Laut Osssi Drechsler, Direktor der Polygram AG Schlieren, hat sich der Klassik-Umsatz 1990 gegenüber dem Vorjahr um knapp zehn Prozent gesteigert.

Die Jugend entdeckt die Klassik – oder das, was sie dafür hält.

Klassik gehört mittlerweile schon fast zum guten Ton bei den Kids. Schliesslich hat man sich nach Milos Formans „Amadeus“ auch das „Requiem“ gekauft und Ravels „Bolero“ für den Soundtrack von „10 die Superfrau“ gehalten. Immerhin: Diese Musikgattung ist entstaubt worden und gehört nicht mehr nur der Kaste der Intellektuellen und Spiessbürger. Klassik ist in. Die Liste von Klassik-beeinflussten Popsongs ist beinahe endlos: Von Stings „Russians“, inspiriert von Prokofiev, bis weit zurück zum 1967er Nummer 1-Hit „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum, frei nach Johann Sebastians Bach „Air“ gibt es unzählige Beispiele, wie sich Popmusiker hemmungslos und erlaubtermassen bei ihren verstorbenen Kollegen aus früheren Jahrhunderten bedienen, ohne Tantiemen abgeben zu müssen. Kulturklau im Klassik-Supermarkt. Hauptsache, die Kasse klingelt. Und dieses Klingeln ist nach wie vor die schönste Musik für manchen Möchtegern-Mozart. Ach ja, auch der hat sich bekanntlich schon bei Haydn bedient …Weitere Beispiele gefällig? Die Version von Bachs „Toccata“ und Fuge in D-Dur von Sky erreichte 1980 den fünften Platz in den britischen Charts. Love Sculpture mit Gitarrist Dave Edmunds feierten 1968 mit Khachaturians „Säbel Tanz“, und Deodato kletterte 1973 mit Richard Strauss`“Also sprach Zarathustra“ auf Platz sieben. Die Beatles bedienten sich bei Beethovens „Mondschein Sonate“ gleich rückwärts im Song „Because“. Die melodiösen Hardrocker Rainbow entliehen sich in „Difficult To Cure“ Beethovens Neunter, wie Manfred Mann, der den „Jupiter“ aus der Planeten-Suite von Holst zum „Joybringer“ umgestaltete und den „Feuervogel“ von Stravinski in „Starbird“ verwandelte. Waldo de los Rios oder Exception erreichten vorderste Hitparadenplätze. Der Höhenflug der Fusion von Pop und Klassik war die Kunstrock-Ära der Siebziger Jahre: Nice (Bernsteins „America“), Emerson Lake & Palmer (u.a mit Coplands „Fanfare Of The Common Man“ und Yes („Cans&Brahms“, nach der Sinfonie Nr. 4 von Johannes Brahms) bedienten sich Ihrer Vorbilder nicht selten in Erinnerung an ihre musikalische Ausbildung am Konservatorium.

 Sounds für den Skateboardfahrer bis zur häkelnden Oma

Die Erfolge von Wagner-Spezialisten Peter Hofmann mit Pop-Werken à la Classique und die Masche „Hooked On Classics“-Serie des Royal Philharmonic Orchestra mit mit Beatles- oder Phil Collins-Tunes, oder James Last mit „Light Classics“ vervollständigen das Bild einer „Klassik-verrückten“ Generation vom jugendlichen Skateboarder bis zur häkelnden Oma. Auf den Trend setzt auch Warner Bros. Mit „Forever Young Vol. 1“ … Fortsetzung folgt.

Im Mozart-Gedenkjahr fehlt eigentlich nur noch eine Dreieinhalb-Minuten-Version sämtlicher Köchelverzeichnisse im House-Sound, verschmolzen per zeitgenössischer Sampling-Technik. Entwickelt sich hier ein neuer Musikstil, den man „Recycling Music“ taufen könnte? Oder sind der Popmusik ganz einfach nur die Ideen ausgegangen? Geklaut wird ja nicht erst seit heute auch von Zeitgenossen, die noch nicht unter der Erde sind. M.C Hammer fällt über Hits von Rick James und Prince her, und Vanilla Ice schlägt schnell bei Bowie/Queen nach. Es scheint das Privileg der Popmusik zu sein, andere zu zitieren: Aus alt mach neu. Aber wenn schon abkupfern, dann bitte mit Quellennachweis. „Roll over Beethoven“ rufe ich allen zu, die meinen, hinter dem ersten Satz der 5. Sinfonie stehe das Electric Light Orchestra.

Eines muss man den neuen Elaboraten allerdings zugestehen: Der Eine oder Andere hört sich aufgrund der Coverversion auch schon mal das Original an. Nur, welcher Dirigent und welches Orchester dürfen es in diesem Fall bitteschön sein? Ob Elvis auch vor dieser Frage gestellt war, als er Jacques Offenbachs „Barcarole“ in „Tonight Is So Right For Love“ verwandelte? Oder die Beach Boys, als sie Nachs „Jesu meine Freude“ zu „Lady Lynda“ verwursteten?

Ist das lediglich kultureller Anstrich oder ehrliche Bewunderung? Das ist die eine Frage. Die andere ist, wie wohl die alten Meister über die neuen Versionen denken würden. Die Antwort bleibt so lange offen, bis Beethoven wiederkommt und sagt, ob er nun all die Jahre im Grab rotiert hat, oder ob er echt Spass an der Zweitverwertung seiner Ideen hatte.

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Rainer Luginbühl

Journalist BR, Basel