Vogel Gryff


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Am 27. Januar 2016 hat die E. Gesellschaft zum Greifen den Vorsitz bei den
Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels

Was klepft?! E Schuss! Was mag das syy?

Dert tanzt jo aine uff em Rhy.

E Tannebaimli schwingt er

und ains, zwai, drey vertringgt er.

Nai nai, das gfallt im Wilde Maa.

D’Kanone kracht. Jetzt kunnt er aa.

E-n-Ueli bättlet Batze.

Dr Lai winggt mit de Datze.

Bym Käppelijoch gumpt stolz und styff

näben Wilde Maa und Lai dr Gryff,

und dausig Basler lache

ab däne-n-alte Sache.

Anna Keller (1879-1962)

Der hohe Kleinbasler Ehrentag «Vogel Gryff» ist ein Feiertag. Ein beweglicher Feiertag. Der Vorsitz wird im Turnus von drei Jahren jeweils im Januar von einer der drei Ehrengesellschaften übernommen. Dies ist beim Rebhaus der 13. Januar, beim Hären der 20. Januar und beim Greifen der 27. Januar. Der «Vogel Gryff» wird durch diese drei Ehrengesellschaften, die oft auch kurz «3 E» genannt werden, durchgeführt. Die feierlichen Auftritte der Wappenhalter sind seit dem 16. Jahrhundert belegt. Die Spuren der drei Ehrengesellschaften reichen bis ins frühe 14. Jahrhundert zurück.

Wer den Volksbrauch noch nie erlebt habt, wundert sich an diesem Tag angesichts der vielen dunkel gekleideten Herren, die einem begegnen, ob der Böllerschüsse und Trommelklänge, die zu hören sind und der merkwürdigen Gestalt, die auf einem Floss den Rhein herunter geschwommen kommt. Auf der Strasse lachende Kindergesichter mit einem «Schnägg» (Hefegebäck) in der Hand und ernsthafte Repräsentanten der Stadt, welche die Tänze des «Wilde Maa» würdig abnehmen, indem sie ihren Hut lüften, während die «Ueli» unter den Schaulustigen umhergehen und um eine Spende bitten.

«Vogel Gryff» (Greif, Fabelwesen zwischen Löwe und Adler), «Wild Maa» (Wilder Mann) und «Leu» (oder «Lai», baseldeutsch für Löwe) begehen gemeinsam mit drei Tambouren, drei Bannerherren und vier «Ueli» das Kleinbasel. Die drei Figuren und der «Ueli» sind Namensgeber für die vier Basler Fähren. An vorgeschriebenen Stationen zeigen sie ihre einstudierten Tänze, deren Choreographie von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die «Ueli» sind Narrengestalten, welche die Aufgabe haben, möglichst viel Geld zu sammeln. Dazu schütteln sie ihre Sammelbüchsen so, dass es scheppert. Der Erlös kommt Bedürftigen zu Gute – und zwar Kleinbasler Bedürftigen, indem nur hier ansässige Sozialwerke unterstützt werden. Der «Vogel Gryff» ist nämlich ein Fest, das dem Stadtteil gegenüber dem Münster vorbehalten ist.

Das Brauchtum geht zurück auf das Jahr 1392, als sich die beiden Stadtteile Kleinbasel und Grossbasel zusammentaten und damit die Trennung durch den Rhein überwanden. Mit dem Brückenschlag um das Jahr 1225 konnte sich die «mindere Stadt», wie sie von hochnäsigen Grossbaslern genannt wurde, erst richtig entwickeln. Selbstbewusst bildete die kleinere Stadthälfte ein eigenes Rat- und Richthaus, da, wo heute das Café Spitz steht.

Seinen Namen hat das Haus übrigens wegen seiner Spitze auf dem Dach. Erbaut wurde es 1838–40 von Amadeus Merian (1808–89) für die drei Ehrengesellschaften Kleinbasels als gemeinsames Gesellschaftshaus anstelle des spätmittelalterlichen Richthauses. In der Nacht vom 13. auf den 14. April 1969 brannte das Traditionshaus fast vollständig nieder und wurde in der Folge detailgenau wieder aufgebaut.

Die drei Gesellschaften aber waren – und sind bis heute – keine Zünfte, denn sie vereinigen keine Berufsleute bestimmter Gewerbe. Sie hatten seit jeher eher den Charakter von Quartiergesellschaften.

Der Tagesablauf beim «Vogel Gryff» ist fast militärisch genau durchorganisiert. So verwundert es nicht, dass man bei diesem Brauchtum Wurzeln in der Zurschaustellung von Wehrhaftigkeit, bzw. in der jährlichen Waffenmusterung ausmachen kann. Die Gesellschaftsgenossen hatten nämlich auch für die Sicherheit ihrer Stadt im Kleinbasel zu sorgen. Sie leisteten Dienste als Wach- und Feuerwehrleute und hatten die Türme und Mauern in Stand zu halten.

Nach vollendetem 14. Lebensjahr, ab 1514 nach dem 16. Geburtstag, wurden die Burschen militär- und wachpflichtig und blieben es bis ins vorgerückte Alter, wie der Festschrift «600 Joor Glai- und Grossbasel zämme» aus dem Jahr 1992 von Ernst Ritter zu entnehmen ist.

Diese Musterungen, welche bis 1838 durch jede der drei Gesellschaften selber durchgeführt wurden, endeten jeweils mit einem Marsch durch das Kleinbasel und einer gemeinsamen Mahlzeit. Voraussetzung für den Beitritt zu einer der Ehrengesellschaften ist übrigens noch heute ein Wohnsitz entweder im Kleinbasel oder dann im übrigen Kanton, in diesem Fall jedoch mit bedeutsamem Grundeigentum im Kleinbasler Stadtteil. Die ausschliesslich männlichen Bewerber müssen ausserdem das 18. Lebensjahr erreicht haben, das Basler Bürgerrecht und einen guten Leumund vorweisen können.

Wenn es der Wasserstand des Rheins erlaubt, beginnt das Fest jeweils um 10.30 Uhr mit der Rheinfahrt des Wilden Mannes. Der Wilde Mann schifft sich traditionell an einer unüberbauten Partie des Rheinufers ein. Dies war bis ins 19. Jahrhundert die Baarmatte ausserhalb der Kleinbasler Stadtmauer beim Waisenhaus. Nach dem Bau der Wettsteinbrücke 1878/79 verlegte man die Stelle rheinaufwärts zum Landgut Rosengarten an der heutigen Grenzacherstrasse 106. Als nächste Stelle der Wässerung kam später die Solitude der Familie Hoffmann (ein Park bei der Chemiefirma Hoffmann-LaRoche) in Gebrauch. Heute ist der «Horst», ein Fischergalgenhäuschen unterhalb des Kraftwerkes Birsfelden, Ausgangspunkt der Flossfahrt.

Bei der Talfahrt vollführt der Wilde Mann seine Tänze auf einem Floss und wird durch Trommelrhythmen und zwar dem «Rhy-ab-Marsch» und mit Böllerschüssen begleitet. Er achtet darauf, bei dieser Flossfahrt nur die Kleinbasler zu grüssen und den Grossbaslern am anderen Ufer den Rücken, genauer: seinen Hintern zuzukehren. Dabei folgt am Kleinbasler Ufer eine lärmende Kinderschar dem Floss. Unterhalb der Mittleren Rheinbrücke erscheinen unterdessen der Vogel Gryff und der Leu mit ihren Begleitern, den drei Tambouren und Bannerträgern, sowie den vier Narrengestalten, den «Ueli», welche mit klappernden Büchsen Geld für Bedürftige sammeln. Der Vogel-Gryff und der Leu erscheinen oberhalb der Mittleren Brücke, beim Wild-Ma-Gässli, zusammen mit einem Tambour und einem Bannerherr – zwei weitere Tambouren und Bannerherren sind beim Wilden Mann auf dem Floss. Mit einem mächtigen Satz springt gegen elf Uhr der Wilde Mann an Land, nicht ohne zuvor die Tanne ausgiebig im Wasser genetzt zu haben.

Danach, um zwölf Uhr, tanzen die Ehrenzeichen vor dem Käppelijoch auf der Mittleren Rheinbrücke ihre unverkennbaren Tänze: das Vogel-Gryff-Spiel. Während dieser Vorführung, die genauestens choreographiert ist, bleibt das Hinterteil der Figuren stets Grossbasel, und damit dem Lällekönig zugewandt. Dieser wiederum streckt von der Grossbasler Seite aus in regelmässigen Abständen seine Zunge gegen das Kleinbasel heraus.

Ab 13 Uhr finden sich die 450 Gesellschaftsbrüder der «3 E» (je 150) zu einer ausgedehnten Mahlzeit, dem Gryffemähli, im Festsaal der Basler Messe ein. Frauen sucht man übrigens vergeblich: Es handelt sich hier um eine reine Männergesellschaft – wenn man vom Servierpersonal einmal absieht. Die Herren tragen allesamt dunkle Anzüge und geben diesem Anlass damit eine besonders feierliche Note. Die Veranstaltung dauert den ganzen Nachmittag an und ist von Reden zu aktuellen politischen Themen, musikalischen Darbietungen sowie dem Besuch des Vogel-Gryff-Spiels im Saal geprägt. Mit Spannung werden auswärtig geladenen Ehrengäste erwartet, oftmals hohe Repräsentanten aus Wirtschaft und Politik. Besonders feierlich wird die Stimmung am Abend, wenn das Spiel, begleitet von 21 Knaben («Buebe») mit Steckenlaternen, Trommlern und Pfeifern der Fasnachtsclique Olympia, gefolgt von einer riesigen Menschenmenge, kreuz und quer durch Kleinbasels Altstadt zieht und, immer wieder unterbrochen von trinkfreudigen Pausen, die Wohn- oder Geschäftssitze der Herren Meister und Vorgesetzten sowie den Hof des Waisenhauses besucht. Auf dem Rundgang werden keine Tänze mehr vor dem Meister oder Vorgesetzten vorgetragen, sondern in den Restaurants zu Ehren des «Baizer» (des Wirts). Der wiederum bedankt sich mit einem offerierten Getränk – in der Regel einer Runde Bier für die Aktiven. Der Schlusstanz findet dann um ca. 22.30 Uhr im Stammhaus „Cafe Spitz“ im grossen Saal im 1. Stock statt. Der Ehrentag der Kleinbasler klingt dann in den vielen Kleinbasler Gaststätten bis in den frühen Morgen aus. Die Ehrenzeichen der «3 E» finden wir übrigens das ganze Jahr hindurch gleich unter der Mittleren Brücke unter dem ersten Bogen auf der Kleinbasler Seite im Wasser des Rheins.

Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels

Bilder zum Vogel Gryff, Bildersuche Google.

Rainer Luginbühl

Journalist BR, Basel