X-Mas unter Palmen. Gastbeitrag von Gaby Tscharner

Adventszeit in der Ferne oder die Sehnsucht der Auslandschweizerin nach helvetischen Weihnachts-Bräuchen. 

Von Gaby Tscharner

20. September – Der erste Weihnachtsbaum der Saison

Los Angeles, 6. Dezember 2013. Die alljährliche Jagd quer durch Hollywood nach einem Samichlaus-Sack läuft auf Hochtouren. Nüsse und Mandarinen zu finden sind im sonnigen Kalifornien kein Problem. Für die mehr oder minder authentischen Schöggeli sorgt die US-Division von Lindt&Sprüngli mit deren Sortiment von goldigen Rentieren und Bären. „Manufactured in Stratham, New Hampshire“, ist denen auf Hintern gestempelt. Der Geschmacks-Unterschied ist nur für den Schoggi Snob wahrnehmbar.

Das US-Sortiment der Lindt Schoggi-Chläuse

 

Bei der Familie der Auslandschweizerin zu Besuch kommt der Deutsch-sprachige Nikolaus zwar schon lange nicht mehr. Nicht seit ihre Tochter als Vierjährige in einer Deutschen Vorschule in L.A. Bekanntschaft mit Knecht Ruprecht gemacht hat. Der teutonische Klaus hat sie für ein Gedicht gelobt, das sie aufgesagt hat. Er machte ihr ein Kompliment für ihre Zeichnung und forderte sie schliesslich freundlich, aber bestimmt dazu auf, ihr Zimmer besser aufzuräumen. Die mini-Perfektionistin hörte nur die Kritik und verkroch sich für den Rest des Tags in einer Ecke. Seither ist der Nikolaus persona non grata, nur der gutmütige Santa Claus hat zutritt.

Santa Hangs Ten

Thanksgivukkah

Diese Auslandschweizerin hat schon vor zwanzig Jahren das Köfferchen gepackt, aber das Heimweh plagt sie nie so sehr wie zur Adventszeit. Was vermisst sie am meisten? Freunde? Familie? Thommy Senf. Und damit ist sie nicht alleine. Auf facebook oder twitter tauschen Swiss-Angelinos Adressen von Läden aus, die die besten Bratwürste verkaufen oder verkünden, wo man Marroni finden kann. Es gibt in L.A. zwar keine Marroni-Brater an der Strassenecke, dafür ist es nie kalt genug. Aber viele Asiatische Märkte verkaufen rohe Kastanien. Chestnuts, zum selber braten, roasting on an open fire.

Über einen Mangel an Amerikanischen Adventstraditionen kann sich die Auslandschweizerin eigentlich nicht beklagen. Die Amis sind Weltmeister, wenn es um Holiday Spirit geht. Die Feiertage beginnen schon im November mit Thanksgiving, einem Feiertag ohne religiöse Untertöne. Für gewöhnlich. Dieses Jahr fiel das Jubiläum der Ankunft der ersten Siedler jedoch auf den jüdischen Feiertag Hannukah. Im Land der kreativen Festtagsbräuche wurde daraus ein Event gemacht, ein once in a lifetime Feiertag. Schliesslich kommt das nächste Thanksgivukkah erst wieder in 70´000 Jahren. Die jüdischen Nachbarn kombinierten die Rezepte beider Holidays und tischten einen Turkey auf, der im koscheren Wein geschmort hat und die traditionelle Cranberry Sauce wurde anstatt Apfelmus zu Latkas, Kartoffelpuffern serviert. Es war köstlich und auf moderntribe.com gibt es das Thanksgivukkah T-Shirt zu kaufen!

American Gothic im Thanksgivukkah look.
Weihnachtspalmen

Auf Thanksgiving folgt Black Friday, wie der grösste Shopping-Tag des Jahres in den USA genannt wird. Das Philadelphia Polizei Departement soll den Ausdruck in den 60er Jahren geprägt haben, weil der Tag traditionsgemäss mit Auto-Unfällen und Verkehrs-Chaos gepflastert ist. Heute stürzen sich die Leute in die unzähligen Ausverkäufe und den daraus resultierenden Schuldenberg. Diese Auslandschweizerin hat sich am black Friday noch nie in die Nähe eines Einkaufszentrums gewagt. Menschenmassen, die vor einem Warenhaus übernachten und sich vor Sonnenaufgang die Pullover aus den Händen reissen, um ein paar Dollar zu sparen, lösen in ihrem helvetischen Gehirn Panik und Platzangst aus.

Weihnachtspalmen

 

Im kapitalistischen Amerika wird Holiday Spirit mit Kommerz gleich gestellt. In den letzten Jahren liess der Festtags-Umsatz, in der sich nur langsam erholenden US-Wirtschaft, einiges zu wünschen übrig. Deshalb fuhren die Einkaufszentren dieses Jahr die schweren Weihnachts-Geschütze auf. Auf facebook wurde die erste Sichtung eines Warenhaus-Weihnachtsbaums am 20. September mit folgendem Foto und Untertitelung dokumentiert: Really Costco?

Frohe kalikimaka, everyone

Deshalb lechzt diese Auslandschweizerin nach helvetischer Besinnlichkeit. Räbeliechtliumzüge, Kerzenziehen und Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt gehören zu meinen liebsten Erinnerung an die Schweizer Vorweihnachtszeit. Romantisch? Vielleicht. Weltfremd? Definitiv. Die Zürcher Bahnhofstrasse gleicht in der Vorweihnachtszeit auch einem Irrenhaus. Diese Weihnachts-Fans im traditionellen Niemandsland haben sich deshalb ihre eigenen Bräuche kreiert. Weihnachtegeschenke gibt es sowohl vom Christchindli am Heiligen Abend als auch von Santa Claus am Morgen des 25. Dezembers. Hinterfragt wurde die Doppelladung der Präsente noch nie. Zu essen gibt es am 24. Dezember Kalbshaxen alla Nonna, frei nach dem Rezept der Italienischen Grossmutter der Auslandschweizerin. Am Weihnachtstag kocht ihr Mann Hawaiianisches Bar-B-Q, nach dem Rezept seines Grossvaters. Die Tochter singt “Kling Glöckchen” und “Ihr Kinderlein kommet” und begleitet sich selber auf der Ukulele. Auch schön.

Frohe Weihnacht, mele kalikimaka und merry Christmas, everyone.

Biobox:

Gaby Tscharner, ehemalige Moderatorin für Radio24, OPUS Radio und den Ziischtigsclub des SRF, arbeitet seit 1993 als Entertainment-Korrespondentin für Medien in der Schweiz und den USA und lebt heute mit Mann, Kind und Hund in Los Angeles.

Rainer Luginbühl

Journalist BR, Basel