Interview mit dem Biologen Daniel Küry

O Basel, du holtselig Statt,

Die den Rhein in der Mitte hat,

Allda er nimt ein neuen Schwang

Gegen Mitnacht vom Niedergang,

Du musst gewiss sehr freuntlich sein,

Weil durch dich rinnt der Rhein.

Johann Fischart (1548-1590)

Der Lebensraum Rhein verändert sich ständig. Vor 200 Jahren sah es hier noch ganz anders aus: Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts schlängelte sich der Oberrhein zwischen Basel und Mannheim durch eine weit verzweigte Auenlandschaft mit vielen Nebenarmen und kleinen Inseln, wie wir sie heute noch in Teilen der Petite Camargue Alsacienne antreffen können. Die Rheinregulierung, vorangetrieben durch den badischen Ingenieur Johann Gottfried Tulla, zwang den Rhein in ein enges Bett und gab ihm ein anderes Aussehen. Zwar wurden damit die Schiffbarmachung und der Hochwasserschutz befördert und in der Folge konnte der Fluss zur Stromgewinnung genutzt werden, Leidtragende waren hingegen die Fischer, weil der Lachs auf seinem Weg flussaufwärts durch Stauwehre behindert wurde. Die Brandkatastrophe bei Schweizerhalle im Jahr 1986 bildete schliesslich den traurigen Höhepunkt der Gewässerverschmutzung des 20. Jahrhunderts und steht zugleich für einen Neubeginn, obwohl bereits zuvor Verbesserungen erzielt worden waren. So gingen seit den Sechzigerjahren die Schadstoffeinleitungen durch die chemische Industrie zurück und 1982 nahm endlich auch in Basel eine Kläranlage den Betrieb auf.

Nachdem sich die Gewässerqualität stark verbessert hat, konnte sich am Rhein und seinen Ufern still und heimlich ein Wandel vollziehen.

Der Biologe Daniel Küry ist Initiant des sogenannten Rheinpfads und kennt sich mit Flora und Fauna im und am Rhein bestens aus.

Herr Küry, stimmt die Legende, dass der Salm (Lachs) früher ein «Arme-Leute-Essen» war? Es wird immer wieder erzählt, dass es Angestellten von Basler Herrschaftshäusern früher vertraglich zugesichert wurde, dass sie nur 2-3 mal pro Woche ein Salm-Menü essen mussten. Kann man demnach sagen, dass der damals reichlich vorkommende Lachs ein billiges und fettiges Essen für Arme war?

Der Lachs zog früher zahlreich den Rhein hoch, um sich in den Seitengewässern fortzupflanzen. Für die vielen in Basel ansässigen Fischer war der saisonal beschränkte Fang auf Lachse ein wichtiger Bestandteil ihres Lebenserwerbs. Historisch ist jedoch belegt, dass der Lachs zu den teuersten Fischen gehörte, die auf dem Fischmarkt in Basel zu kaufen waren. Es handelt sich bei dieser Aussage also wohl um klassisches Fischerlatein.

Seit wie vielen Jahren ist der Salm aus dem Rhein verschwunden, bzw. seit wann versucht man ihn wieder anzusiedeln?

Die Bestände des Lachses nahmen bereits Ende des 19. Jahrhunderts allmählich ab. Der grosse Einbruch erfolgte zwischen 1910 und 1930. Die jährlichen Fänge auf den schweizerischen Rheinstrecken gingen von rund 2000 auf wenige Fische zurück. Der letzte Lachs wurde in Basel 1963 gefangen. Erste Bemühungen zur Wiederansiedlung des Lachses durch die Basler Fischer erfolgten im Jahr 1982. Seither wurden erst mit schottischen Lachseiern, danach mit Eiern aus der Adour in Südwestfrankreich Wiederansiedlungsprojekte durchgeführt.

Aufgezogen werden die Fische in Basel und dann in der Petite Camargue Alsacienne in den Rhein freigelassen. Hat schon einmal ein Salm den Weg vom Meer wieder zurück nach Basel geschafft?

In den ersten Jahren des Wiederansiedlungsprojekts wurden die Lachse in Basel erbrütet und als Jungfische in den Rhein entlassen. Später hat man die Lachse als Brütlinge in den St. Albanteich gebracht. Dort konnte man feststellen, dass sie im Alter von zwei Jahren abwandern und die Region Basel in Richtung Atlantik verlassen. Heute werden die Eier in Zusammenarbeit mit der elsässischen Fischereiverwaltung in der alten Fischzuchtanstalt der Petite Camargue Alsacienne ausgebrütet und die Brütlinge werden in Rhein, Wiese und Birs eingesetzt. Der Lachs konnte Basel aus eigener Kraft noch nicht erreichen. Insgesamt fünf Stauwehre am Oberrhein verfügen noch nicht über eine funktionierende Fischaufstiegseinrichtung.

Wieviele Fischarten sind denn in der Basler Rheingegend noch heimisch?

Im Basler Rheinabschnitt sind wie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts etwa siebenunddreissig Fischarten heimisch. Im Vergleich mit früher hat sich die Zusammensetzung der Fauna jedoch verändert. Während die Langdistanzwanderfische wie Lachs, Maifisch oder Meerforelle noch nicht bis nach Basel hochwandern können, haben sich als Folge des Besatzes [d.h. von Zucht und Aussetzung] Arten aus anderen Flusssystemen eingebürgert. Dazu gehören beispielsweise der Zander, der Katzenwels, der Goldfisch oder der Sonnenbarsch.

Ist es richtig, dass der Nasenweg in der Breite (Stadtteil an der Birs) seinen Namen nicht etwa wegen unseres Riechorgans trägt, wie man vermuten könnte?

Der Nasenweg hat seinen Namen von einem Weissfisch erhalten, der früher im Lehenmattquartier ein eindrückliches Spektakel bot. Alljährlich zogen die Nasen in grossen Beständen vom Rhein in die Seitengewässer hoch, um dort auf Kiesbänken abzulaichen. Dieser sogenannte Nasenstrich konnte vom Ufer aus als ein Schwarm von Fischen beobachtet werden, die in flachen Flussbereichen wilde Kapriolen aufführten.

Seit der Brandkatastrophe bei Schweizerhalle 1986 wurden viele Anstrengungen unternommen, die Wasserqualität des Rheins zu verbessern und damit die Lebensvielfalt zu erhalten. Sind diese Projekte erfolgreich?

Die chemische Wasserqualität des Rheins hat sich seit 1986 massiv verbessert. Die Industrie hat sich teilweise neue Produktionsstandorte gesucht oder die Verfahren umweltfreundlicher gemacht. Viele Fische, die auf der Basler Rheinstrecke lange Zeit nicht mehr beobachtet wurden, sind zurückgekehrt. Auch die Kleintierbestände der Gewässersohle haben sich zwischendurch erholt, seit ca. 1998 werden sie jedoch von neu einwandernden Neuankömmlingen, zum Beispiel von Kleinkrebsen oder Vielborstenwürmern, zurückgedrängt. Heute hat sich die stoffliche Problematik im Rhein auf die Mikroverunreinigungen [v.a. von Medikamenten, Körperpflegeprodukten und Putzmitteln] verlagert. Diese sind mitverantwortlich für den Fischrückgang in unseren Gewässern.

Der stammesgeschichtlich älteste Basler wohnt an der Rheinhalde im Kleinbasel: der blinde Erdrüsselkäfer. Sein Alter wird auf bis zu zwei Millionen Jahre geschätzt. Hat die Wissenschaft eine Erklärung, warum er zum Beispiel die Eiszeit überlebt hat?

Der kleine Erdrüsselkäfer wurde wohl in der Vergangenheit aufgrund seiner Lebensweise und der geringen Körpergrösse oft übersehen. Er hat sicher nicht an der Rheinhalde, die aus vielfach umgelagertem Schotter des Rheins besteht, die Eiszeit überdauert, sondern in Wärmegebieten. Ob dazu allerdings die Wärmeinseln im Oberrheingebiet ausreichten, ist fraglich. Es ist auch denkbar, dass die Art zum Beispiel durch den Menschen aus dem Mittelmeergebiet in die Region gebracht wurde.

Ist es richtig, dass sich im Auhafen bei Birsfelden Pflanzen finden lassen, die es sonst in unserer Gegend nicht gibt? Sind diese Pflanzen etwa von den Schiffen als blinde Passagiere eingeführt worden?

Ja. Häfen und Bahnhöfe waren schon um 1900 bei Botanikern beliebte Orte, um exotische Pflanzen zu sammeln. Mit den Waren werden immer auch Pflanzensamen ausgeladen. Wenn sie geeignete Lebensbedingungen vorfinden, können sie keimen. Auf diesem Weg sind auch einzelne Arten nach Europa gelangt, die heute als eingebürgert gelten.

Welche Bedeutung hat das Basler Rheinknie für die Vogelwelt?

Mitten in der Stadt ist der Rhein wichtig zur Nahrungssuche der Vögel. So finden Schwalben über dem Rhein Insekten zum Füttern der Brut oder der Kormoran geht unter Wasser auf Jagd nach Fischen. Oberhalb der Stauwehre befinden sich wichtige Rastplätze für Wasservögel, die sich auf dem Zug befinden.

Sie haben den Rheinpfad organisiert. Was ist das für eine Einrichtung, welchen Zweck verfolgt sie?

Das Projekt möchte die Bedeutung des Rheins als Lebensader für die Stadt und die Region Basel zeigen. Der Themenfächer reicht von Wirtschaft, Geschichte, Fischerei, Wasserbau, Sport, Stadtentwicklung bis zu Gewässerschutz und Naturschutz. Dazu wurde ein Themenweg entlang des Rheins zwischen Augst und Basel errichtet. In Veranstaltungen werden einzelne Themen zum Rhein durch Fachpersonen detailliert vorgestellt. Schliesslich dient eine Website im Internet als Informationsplattform: www.rheinpfad.ch.

Einen Spaziergang nennen Sie im Prospekt: «Auf zu neuen Rheinufern. Uferweg-Verbindungen nördlich der Dreirosenbrücke mit viel Entdeckenswertem» … was gibt es denn zu entdecken?

Im Bereich des St. Johannhafens wird sich in den nächsten Jahren die Landschaft massiv verändern. Der geplante Rheinuferweg wird uns ermöglichen, was seit rund 100 Jahren nicht mehr ging: Wir können zu Fuss oder mit dem Velo einen Sonntagsspaziergang entlang des Rheins nach Hüningen oder gar in die Petite Camargue Alsacienne unternehmen.

Der Rhein formt die Landschaft, er ist ein Element des Wasserkreislaufs, er ist Trinkwasser- und Nahrungsquelle. Was muss Ihrer Meinung nach noch getan werden um diesen Lebensraum zu erhalten?

Wichtig ist das Bewusstsein dieser vielfältigen Funktionen des Rheins, die ihn erst zur Lebensader machen. Auf der Basis dieses Bewusstseins wird auch ein nachhaltiger Umgang mit dem Rhein möglich. Nachhaltig heisst hier: Die verschiedenen Funktionen nehmen aufeinander Rücksicht. Eine Nutzung des Rheins ist richtig, aber sie muss auf die Lebensraumansprüche von Pflanzen und Tieren abgestimmt sein.

Daniel Küry

1958 in Basel geboren. Schulen und Biologiestudium in Riehen und Basel. Dissertation 1989 im Fachbereich Naturschutz und Gewässerökologie. Einarbeitung in die Pflanzen- und Tierwelt der Gewässer in der Region Basel. Teilhaber der Umweltberatungsfirma Life Science AG. Seit 1995 Lehrauftrag für Gewässerökologie an der Universität Basel. Aufbau, Konzeption und Umsetzung des Rheinpfads (www.rheinpfad.ch). Das Gespräch wurde 2007 geführt.

Am 5. Oktober 2008 wurde tatsächlich ein Lachs gefangen. Dem Bundesamt für Umwelt BAFU war das eine offizielle Meldung wert.

Der Fischpopulation im Rhein geht es besser, als auch schon. Dies zeigt die jüngste Fischzählung im neuen Umgehungsgewässer des Kraftwerks Ryburg-Schwörstadt. Es wurden mehr als 10000 Individuen und über 30 Fischarten registriert. Artikel in der Basellandschaftlichen Zeitung vom 02.11.2014

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Rainer Luginbühl

Journalist BR, Basel