Zwanglos komisch. Gastbeitrag von Michael Titze

Fogo, der Clown, hatte wieder einmal einen Auftritt gehabt in der Stadt und kehrte in sein Hotel zurück. Wie es so seine Art war, begab er sich in die Bar, um sich noch ein Feierabendbier zu genehmigen. Zufrieden sass vor seinem Glas, als sich unvermittelt ein sichtbar gestresster Endvierziger zu ihm setzte und gleich reinplatzte mit seiner Frage: „Sie sind doch Fogo, der Clown?! Da können Sie mir bestimmt erklären, wie man es lernt, komisch zu werden!“

Fogo schaute lange in sein Glas. Schliesslich fragte er den Mann höflich: „Warum wollen Sie denn komisch werden?“
„Das hängt damit zusammen, dass ich in einer führenden Position bin und ausserdem noch verschiedene Ehrenämter bekleide. Damit habe ich keine Probleme, aber ich finde, dass ich in meinen Auftritten zu langweilig bin …“
„Sie meinen, dass Sie nicht komisch genug sind?“
„Genau! Ich schaffe es einfach nicht, die Leute zum Lachen zu bringen. Dabei habe ich mir ein Repertoire von mehr als fünfhundert Witzen zugelegt. Aber niemand findet das wirklich komisch.“
„Niemand lacht, wenn Sie einen Witz erzählen?“
„Genau! Und wenn doch jemand lacht, dann nur aus Höflichkeit.“
Fogo stierte immer noch in sein halbvolles Glas Bier. Dann fragte er weiter: „Wie komisch möchten Sie denn eigentlich sein?“
„Ja … so richtig komisch: So wie ein Komiker eben komisch ist.“
„Also zwanglos komisch?“
Der Mann schaute Fogo irritiert an: „Zwanglos komisch? Wie meinen Sie das?“
„Sehen Sie“, entgegnete der Clown, „es gibt Menschen, die brauchen sich keinerlei Gedanken darüber zu machen, wie sie es schaffen, auf andere komisch zu wirken. Sie sind es schon in ihrem gesamten Erscheinungsbild, sie sind es in allem, was sie tun, was sie sagen oder auch nicht sagen. Das Entscheidende ist, dass diese Menschen sich weder bemühen, komisch zu sein noch dass es ihnen überhaupt ein Bedürfnis ist, andere Leute zum Lachen zu bringen. Zwanglose Komiker wollen gar nicht komisch sein. Sie sind es einfach.“
Der Mann schaute Fogo jetzt konsterniert an: „Wollen Sie damit sagen, dass ich dadurch komisch werde, dass ich gar nicht komisch sein will?“
„Genau“, sagte der Clown, „das ist es! Das ist die wichtigste Bedingung, um zwanglos komisch zu werden. Die zweite Bedingung ist, dass Sie drei Dinge ausleben, die Sie an sich selbst noch nie mochten, ja, die Sie schon immer an sich gehasst haben.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte der Mann mit großen Augen. „Soll ich mir einen Tic zulegen?“
„Nicht zulegen. Sie sollen lediglich etwas, das für Sie nicht akzeptabel ist, so forcieren bzw. so in den Vordergrund stellen, dass es für Ihre Mitmenschen ganz deutlich sichtbar wird. Um zur Sache zu kommen: Gibt es denn etwas, worauf Sie gar nicht stolz sind?“
„Hm, ja … mein hessischer Akzent. Es stört mich, dass ich den nicht wegkriege, so sehr ich mich auch bemühe. Fast jeder fragt mich über kurz oder lang, ob ich aus Frankfurt komme.“

„Sehen Sie, genau das sollten Sie ab jetzt forcieren. Bemühen Sie sich daher, so zu babbeln, als wären Sie der Wirt vom Blauen Bock in Sachsenhausen. Und was gibt es außerdem noch etwas, das Sie an sich nicht mögen?“
Nach kurzem Nachdenken kam diese Antwort: „Tja, da wäre noch mein Bauchansatz. Ich krieg‘ die Wampe einfach nicht weg …“
„Dann sollten Sie ihren Bauch ganz bewusst vor sich hertragen. Stellen Sie sich vor, dass man Ihnen eine Schnur an den Bauchnabel gebunden hat. Und an dieser Schnur wird so stark gezogen, dass Ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als Ihren Bauch rauszustrecken und ihn beim Gehen hin und her zu schaukeln. Gibt es noch etwas Drittes, das Ihnen an sich selbst nicht behagt?“
„Ich habe mich immer schon geärgert, dass ich so kleine Augen habe. In der Schule haben sie gespottet, dass ich Schweinsäuglein hätte … Ich habe das schon mit Sonnenbrillen zu kaschieren versucht. Aber es ist und bleibt störend.“
„Sie wissen sicher schon, was Sie stattdessen tun sollten“, entgegnete Fogo. „Bemühen Sie sich einfach, Ihre Augen noch kleiner zu machen als sie es schon sind. Das wird Ihnen am besten dadurch gelingen, dass Sie die Augen so stark wie möglich zusammenkneifen. Sie können das so lange trainieren, bis Sie richtige kleine Sehschlitze haben. Kombiniert mit Ihrem hessischen Gebabbel und dem vorgestreckten Bauch kann dies enorm zu Ihrem komischen Erscheinungsbild beitragen.“
Fogos Gesprächspartner schaute diesen lange an. Schließlich meinte er: „Ich glaube, eigentlich möchte ich gar nicht komisch sein!“
Darauf ergriff der Clown seine Hand, schüttelte diese ausgiebig und erklärte: „Damit haben Sie die erste Bedingung schon erfüllt!“

 

Michael Titze zählt zu den Pionieren des Therapeutischen Humors und der Gelotologie. Ein Interview zu seinem Fachgebiet ist hier nachzulesen.
 

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Rainer Luginbühl

Journalist BR, Basel