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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Ciba – Geigy – Sandoz – Novartis = Chemische Industrie Basel

Ciba – Geigy – Sandoz – Novartis = Chemische Industrie Basel

Aus Basler Seidenfärbereien und Farbholzmühlen entstand an den Ufern des Rheins eine weltumspannende Industrie. Die Geschichte von Geigy, Ciba und Sandoz erzählt, wie sich die Stadt vom Handelsplatz zur globalen Hochburg der Pharmazie und Life Sciences wandelte.

Historische Chemieanlagen am Basler Rheinufer
Industrie am Strom: Die Basler Chemie prägte Flussufer, Wirtschaft und Stadtentwicklung.

Der 7. März 1996: Die Jahrhundertfusion

Am 7. März 1996 erschütterte eine Eilmeldung die internationale Wirtschaftswelt: Die beiden Basler Konzerne Sandoz und Ciba-Geigy schlossen sich zusammen. Unter dem Kunstnamen Novartis – abgeleitet vom lateinischen novae artes (neue Fertigkeiten) – entstand die damals grösste Unternehmensfusion der Wirtschaftsgeschichte.

Was auf den Finanzmärkten wie ein plötzlicher Paukenschlag wirkte, war in Wahrheit der vorläufige Höhepunkt einer mehr als zweihundertjährigen Basler Industriegeschichte. Denn hinter den Konzernfassaden standen drei Wurzeln, die das Gesicht Basels seit der Industrialisierung geprägt hatten: Geigy, Ciba und Sandoz.

Die drei Wurzeln am Rhein

Die industrielle Chemie Basels verdankte ihren Ursprung vor allem der florierenden Textilindustrie und der Seidenbandweberei. Wo Seide veredelt wurde, brauchte man Farbstoffe – und reichlich Wasser aus dem Rhein und seinen Zuflüssen:

  • Geigy (1758): Johann Rudolf Geigy-Gemuseus gründete ein Handelsunternehmen für «Materialien, Chemikalien, Farbstoffe und Heilmittel aller Art». Fast ein Jahrhundert lang blieb die Familie reine Händlerin. Erst 1857 bauten Johann Rudolf Geigy-Merian und Johann Müller-Pack ein Farbholz- und Extraktionswerk, um zwei Jahre später synthetisches Fuchsin herzustellen.
  • Ciba (1859): Der Seidenfärber Alexander Clavel begann 1859 in Basel mit der Fabrikation von synthetischem Fuchsin. 1873 verkaufte er sein Werk an die neu gegründete Firma Bindschedler & Busch, aus der 1884 die «Gesellschaft für Chemische Industrie Basel» hervorging. Die gängige Abkürzung Ciba wurde 1945 zum offiziellen Firmennamen erhoben.
  • Sandoz (1886): Vom florierenden Basler Ruf als Chemiemetropole angezogen, gründeten der Chemiker Alfred Kern und der Kaufmann Edouard Sandoz 1886 die Chemiefirma Kern & Sandoz, die sich rasch auf synthetische Alizarinfarben und Arzneimittel spezialisierte.

Von Farbstoffen zu Medikamenten

Nach dem Ersten Weltkrieg rückten die drei Konkurrenten erstmals zusammen: 1918 bildeten Ciba, Geigy und Sandoz die «Basler Interessengemeinschaft» (Basler IG), um sich gegen die mächtige deutsche Konkurrenz der I.G. Farben zu behaupten. Über Jahrzehnte hinweg forschten und produzierten die Unternehmen parallel an Meilensteinen der modernen Chemie und Pharmakologie.

Dabei entstanden weltbekannte Substanzen und Präparate: das Insektizid DDT (Geigy), der Epoxidharz-Klebstoff Araldit (Ciba), das Kreislaufmittel Coramin sowie künstliche Süssstoffe wie Saccharin. 1938 synthetisierte der Sandoz-Chemiker Albert Hofmann bei der Erforschung von Mutterkorn-Alkaloiden das Lysergsäurediethylamid – jenes LSD, das ab 1949 als Psychopharmakon «Delysid» an Psychiater geliefert wurde und später als Droge der Gegenkultur Weltruhm erlangte.

Zugleich diversifizierten die Konzerne: Sandoz übernahm unter anderem 1967 die Berner Wander AG (Ovomaltine, Isostar), 1982 den schwedischen Knäckebrothersteller Wasa sowie 1994 Gerber Babynahrung.

Der Weg zur Novartis: Konzentration auf Life Sciences

Bereits 1970 hatten Ciba und Geigy zur Ciba-Geigy AG fusioniert und landeten mit Medikamenten wie dem Entzündungshemmer Voltaren weltweite Verkaufserfolge. Mit dem Zusammenschluss von Ciba-Geigy und Sandoz im März 1996 trennte sich Novartis schrittweise von der traditionellen Industriechemie: Das Agro- und Farbstoffgeschäft wurde ausgegliedert (unter anderem in die Ciba Spezialitätenchemie und später Syngenta), um das Unternehmen ganz auf Pharmazie und Life Sciences auszurichten.

Der Novartis Campus: Vom Fabrikareal zum Stadtquartier

Sichtbarstes Zeichen dieser Transformation ist das Areal im Basler St. Johann. Wo früher Rauchschlote, chemische Reaktionskessel und Lagerhäuser standen, initiierte Novartis unter Leitung namhafter Architekten einen radikalen Umbau zum «Novartis Campus». Nach Plänen von Vittorio Magnago Lampugnani sowie Solitären von Frank Gehry, Diener & Diener, David Chipperfield und Kazuyo Sejima entstand ein architektonisches Vorzeigeprojekt.

War das Areal jahrzehntelang eine hermetisch abgeriegelte Festung hinter Werkstoren, vollzog sich in den vergangenen Jahren eine markante Öffnung zur Stadt: Seit Herbst 2022 ist der Campus tagsüber für die Öffentlichkeit zugänglich. Mit dem markanten Novartis Pavillon von Michele De Lucchi am Rheinufer und der Dauerausstellung «Wonders of Medicine» ist das Gelände wieder mit dem städtischen Leben am Fluss verknüpft.

Strukturwandel und globale Konzerne

Der Weg der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Basel war stets von tiefgreifenden Umbrüchen, Automatisierung und Reorganisationen begleitet. Der Wandel von der lohnintensiven Fertigung hin zu hochspezialisierter Forschung veränderte die Basler Arbeitswelt nachhaltig:

«Die Gewerkschaften sprachen von ‹Skandal›. Die ‹TagesWoche›, als es sie vor einem Jahr noch gab, titelte: ‹Der Novartis-Kahlschlag erschüttert die ganze Stadt›. Der SP-Präsident bezeichnete den Stellenabbau als ‹unverantwortlich und nicht nachvollziehbar›. So oder ähnlich tönt es jeweils, wenn Roche oder Novartis die Kosten der Wettbewerbssituation anpassen.»

Basler Zeitung

Ob am St. Johann oder am Kleinbasler Rheinufer bei Roche: Die Basler Chemie hat den Fluss geprägt wie kaum ein anderer Industriezweig. Aus Färberwerkstätten am Wasser wurden Weltkonzerne, deren Entscheidungen bis heute weit über die Landesgrenzen hinausstrahlen.

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