Gallician-Mühle und Papiermuseum

Wo das Kleinod des St. Alban-Tals an den Rhein grenzt, klappern bis heute schwere Wasserräder. Das mittelalterliche «Dalbeloch» war die erste Industriezone Basels: Hier bauten Cluniazenser-Mönche einen künstlichen Kanal und schufen das Fundament für ein Handwerk, das im Zusammenspiel mit Buchdruck und Gelehrsamkeit Basels Weltruf begründete – die Papiermacherei.
Der St. Albanteich: Meisterwerk klösterlicher Ingenieurkunst
Wer heute durch die engen, kopfsteingepflasterten Gassen des St. Alban-Tals spaziert, geniesst die pittoreske Stille eines scheinbar der Zeit entrückten Viertels. Doch die Idylle täuscht über die historische Bedeutung hinweg: Im Mittelalter war dieser Talkessel das pulsierende Wirtschaftszentrum der Stadt. Hier regierten nicht Ruhe und Kontemplation, sondern das laute Stampfen von Hämmern, das Rumpeln von Mahlwerken und das unaufhörliche Rauschen des Wassers.
Möglich machte dies der Konvent des 1083 gegründeten Cluniazenser-Priorats St. Alban. Die Mönche beteten nicht nur, sie bewiesen enormen wirtschaftlichen Weitblick. Im 12. Jahrhundert liessen sie einen künstlichen Gewerbekanal anlegen – den St. Albanteich. Das Wasser wurde bei St. Jakob aus der Birs abgezweigt und über mehrere Kilometer hinweg künstlich ins St. Alban-Tal geführt, wo es mit stetem Gefälle in den Rhein mündete. Die Wasserkraft trieb im Tal zeitweise bis zu zwölf Mühlen an: Getreidemühlen, Sägewerke, Walken und Hammerschmieden.
1453: Antonio Gallician und die weisse Revolution
Im 15. Jahrhundert erlebte das Tal einen tiefgreifenden Wandel. Das Konzil von Basel (1431–1449) und die Gründung der Universität im Jahr 1460 ließen den Bedarf an Beschreibstoff sprunghaft ansteigen. Tierisches Pergament war teuer und rar – gefragt war das leichtere Papier aus Hadern (Altkleidern und Textillumpen). Zehn der zwölf Mühlen im Tal wurden im Laufe der Jahrzehnte zu Papiermühlen umgebaut.
Die ältesten Mauern der Gallician-Mühle (St. Alban-Tal 37) reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück; 1284 ging das Anwesen an das Kloster Klingental über. Das Schlüsseljahr folgte 1453: Der aus Casella bei Genua stammende Papiermacher Antonio Gallician erwarb die damalige Hammerschmiede und baute sie zu einer hochmodernen Papiermühle um. Seine Familie führte die Papiermacherei zu europäischer Blüte. Mit dem berühmten Basler Bischofsstab im Wasserzeichen bürgte das Gallician-Papier für höchste Qualität. Ohne diesen steten Nachschub aus dem St. Alban-Tal hätte Basel nicht zum führenden europäischen Zentrum der Buchdruckerkunst neben Venedig und Paris aufsteigen können.
Von 1550 bis 1763 übernahm die renommierte Papiermacherfamilie Thüring den Betrieb, ehe neue maschinelle Verfahren im 19. Jahrhundert die manuelle Hadernpapiermacherei unrentabel machten und das Mühlensterben einsetzte.
Die Basler Papiermühle: Ein lebendiges Museum von Weltrang
Dass dieser einzigartige Geschichtsort nicht abgerissen oder zu reinen Wohnbauten entkernt wurde, verdankt Basel der 1971 gegründeten privaten Stiftung Basler Papiermühle. Zwischen 1978 und 1980 wurde das historische Gebäudeensemble denkmalgerecht restauriert und als Schweizerisches Museum für Papier, Schrift und Druck der Öffentlichkeit übergeben.
Das Haus versteht sich ganz bewusst als lebendiges Arbeitsmuseum. Über alle vier Stockwerke hinweg wird der gesamte Entstehungsprozess vom Hadernlumpen bis zum gebundenen Buch sinnlich erfahrbar:
- Papiermachen am Schöpffass: Besucherinnen und Besucher können selbst mit dem Schöpfsieb in die Faserbütte greifen und ihr eigenes Büttenpapier mit Wasserzeichen schöpfen.
- Historische Werkstätten: Fachleute demonstrieren den Bleisatz, historische Handpressen, die Kalligrafie sowie die Buchbinderei an funktionierenden Originalmaschinen.
- Soziales Engagement: Seit 1983 ist eine integrierte geschützte Werkstätte Teil des Betriebs. Hier finden Menschen mit Unterstützungsbedarf wertvolle Arbeitsplätze in der traditionellen Papierherstellung, Buchbinderei und im Besucherdienst.
- Das Herzstück: Das gewaltige hölzerne Wasserrad am St. Albanteich treibt über hölzerne Wellen und Nocken das historische Stampfwerk an. Nachdem sich das Rad seit der Eröffnung 27 Jahre lang ununterbrochen gedreht hatte, wurde es 2007 durch ein neues, handwerklich baugleiches Eichenrad ersetzt.
2011 wurden die Räumlichkeiten nochmals grundlegend erweitert und didaktisch neu gegliedert. Heute gilt die Basler Papiermühle als eines der international am höchsten geschätzten Museen der Stadt – ein Ort, an dem sich die industrielle Wiege Basels mit den eigenen Händen begreifen lässt.
Weiterführende Links: Handwerk, Wasser und das Dalbeloch
- Interview mit Fährima Jacques Thurneysen – über die historische St. Alban-Fähre «Wild Maa», die das Dalbeloch seit 1894 mit dem Kleinbasel verbindet.
- Fischergalgen am Rhein bei Basel – traditionsreiche Hebevorrichtungen und Handwerk an den Ufern des Stroms.
- Kraftwerk Birsfelden: Wo der Rhein arbeitet – wie die Wasserkraft des Flusses im 20. Jahrhundert neu dimensioniert wurde.
- Die Wettsteinbrücke – der benachbarte Rheinübergang vom Grossbasler St. Alban-Graben ins Kleinbasel.
- Dossier uferlos: Basel und der Rhein – alle Recherchen, Essays und Zeitbilder vom Fluss.
- Basler Papiermühle – Öffnungszeiten, Workshops und Vorführungen im Schweizerischen Museum für Papier, Schrift und Druck.



