Die Mittlere Brücke von Basel

Eine Brücke kann 800 Jahre alt sein und trotzdem erst 120 Jahre stehen. Die Mittlere Brücke feierte 2025 gleich zwei Jubiläen: die erste urkundliche Erwähnung vor 800 Jahren und die Eröffnung des heutigen Steinbaus im Jahr 1905. Kaum ein Bauwerk verbindet Basels Geschichte so unmittelbar mit seinem Alltag.
Über diese Stelle führten Händler, Geistliche, Könige, Arbeiterinnen, Trams und Generationen von Fussgängern. Die Brücke war Verkehrsweg, Marktplatz, Richtstätte und politisches Symbol. Sie hielt zusammen, was der Rhein trennt.
1225: Eine Brücke erscheint in den Urkunden
Das genaue Baujahr der ersten Basler Rheinbrücke ist unbekannt. Zwei Urkunden aus dem Jahr 1225 erwähnen Beiträge zum Brückenbau. Sie lassen offen, ob die Brücke damals geplant, im Bau oder bereits teilweise benutzbar war. Das Jubiläumsjahr bezieht sich deshalb auf die erste urkundliche Erwähnung.
Als treibende Kraft gilt Heinrich II. von Thun. Er war von 1216 bis 1238 Fürstbischof von Basel. Ein Schulddokument aus dem Jahr 1223 zeigt, dass er Teile des Münsterschatzes als Sicherheit für einen Kredit hinterlegte. Ein direkter Vermerk, wonach dieses Geld in die Brücke floss, fehlt. Die bekannte Geschichte vom verpfändeten Kirchenschatz ist plausibel, aber nicht vollständig belegt.
Die Brücke stärkte die Stellung des Bischofs und erleichterte den regionalen Verkehr. Für den internationalen Handel über den Gotthard gewann sie vor allem im 14. Jahrhundert an Bedeutung. Die Vorstellung, Heinrich von Thun habe bereits 1225 eine europäische Verkehrsdrehscheibe geplant, greift der Geschichte weit voraus.
Halb Stein, halb Holz
Die mittelalterliche Brücke bestand aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Auf der Kleinbasler Seite konnten mehrere Pfeiler aus Stein errichtet werden. Auf der Grossbasler Seite waren der Rhein tiefer und die Strömung stärker. Dort ruhte die Fahrbahn auf hölzernen Jochen aus Eichenpfählen.
Diese Konstruktion blieb verletzlich. Hochwasser, Treibgut und Eis beschädigten die Holzpfeiler immer wieder. Reparaturen gehörten über Jahrhunderte zum Betrieb der Brücke. Auch die Steinpfeiler mussten gegen Unterspülung gesichert werden.
Die Brücke war zugleich öffentlicher Raum. Bis ins 19. Jahrhundert standen auf ihr Verkaufsbuden. Menschen handelten, begegneten sich und beobachteten den Verkehr auf dem Rhein. Wer mit Tieren oder Waren die Brücke überquerte, bezahlte Brückenzoll.
Das Käppelijoch: Kapelle und Richtstätte
Im Jahr 1392 vereinigten sich Gross- und Kleinbasel. Auf einem der steinernen Brückenpfeiler stand das «Käppeli», das später als Käppelijoch bekannt wurde. Die Kapelle gab dem Pfeiler zusätzliches Gewicht und wurde zum sichtbaren Zeichen der Verbindung beider Stadtteile.
Die Brücke besitzt auch eine dunkle Geschichte. In der frühen Neuzeit wurden beim Käppelijoch Todesurteile durch Ertränken vollzogen. Verurteilte Menschen wurden gefesselt in den Rhein geworfen. Wer weiter unten lebend geborgen wurde, konnte mit einer Verbannung davonkommen.
Als letzter überlieferter Fall dieser Wasserstrafe gilt Madlen Egerin aus Riehen. Sie wurde 1634 beschuldigt, ihr neugeborenes Kind getötet zu haben. Nach späteren Darstellungen überlebte sie den Sturz in den Rhein und wurde aus der Stadt verbannt. Die lückenhafte Quellenlage verlangt bei den Einzelheiten Zurückhaltung.
Eine weitere Strafe war das «Schwemmen». Dabei zog man die gefesselte Person an einem Seil mehrmals unter der Brücke hindurch. Die Brücke verband die Stadt – und demonstrierte zugleich unbarmherzig die Macht ihrer Obrigkeit.
Mehr zu diesem Kapitel: Das Käppelijoch und die dunkle Seite der Mittleren Brücke.
1903: Basel reisst seine Brücke ab
Bis zur Eröffnung der Wettsteinbrücke im Jahr 1879 war die alte Rheinbrücke der einzige feste Strassenübergang innerhalb Basels. Die Stadt wuchs rasant, der Verkehr nahm zu und die Unterhaltsarbeiten wurden Jahr für Jahr teurer.
Ab 1895 fuhr auch die erste elektrische Basler Strassenbahn über die Brücke. Das Tram allein besiegelte ihr Ende nicht. Doch die Dauerbelastung, die Reisskraft der Strömung und die geschwächten mittelalterlichen Fundamente machten einen Neubau unvermeidlich.
Im Jahr 1899 beschloss der Grosse Rat, die alte Brücke durch einen monumentalen Steinbau zu ersetzen. Gegen den Entscheid wurde das Referendum ergriffen – doch die Basler Stimmberechtigten bestätigten das Neubauprojekt noch im selben Jahr an der Urne.
Am 27. Mai 1903 wurde die alte Brücke für den Verkehr gesperrt. Wenige Meter flussabwärts übernahm eine provisorische Holzbrücke während der Bauzeit den gesamten Tram-, Fuhrwerks- und Fussgängerverkehr.
Die Architekten Emil Faesch und Friedrich von Thiersch entwarfen das neue Bauwerk. Es bestand vollständig aus Stein und kostete mehr als drei Millionen Franken. Finanziert wurde das Vorhaben fast vollständig aus dem Anteil der Einwohnergemeinde an den Erträgen der Christoph Merian Stiftung.
Am 11. November 1905 wurde die neue Brücke mit einem grossen Volksfest feierlich dem Verkehr übergeben. Ihr historisierendes Erscheinungsbild und das originalgetreu rekonstruierte Käppelijoch milderten den Bruch. Basel erhielt eine moderne Bogenbrücke, die aussah, als trüge sie die Erinnerung an die Jahrhunderte in sich.
Warum sie «Mittlere Brücke» heisst
Der Name entstand mit dem Neubau von 1905. Damals besass Basel drei städtische Strassenbrücken: die Wettsteinbrücke stromaufwärts, die neue Rheinbrücke und die Johanniterbrücke flussabwärts. Die traditionsreichste Verbindung lag genau im Zentrum und erhielt folgerichtig den amtlichen Namen «Mittlere Rheinbrücke».
Die Eisenbahnbrücke weiter flussaufwärts spielte bei der Namensgebung keine Rolle; sie lag damals weit ausserhalb des geschlossenen Stadtgebiets und diente ausschliesslich dem Schienenverkehr.
800 Jahre Ort, 120 Jahre Bauwerk
Im Jahr 2002 wurde die Mittlere Brücke umfassend saniert, ohne ihr vertrautes Erscheinungsbild zu verändern. Seit 2015 ist sie für den privaten Autoverkehr vollständig gesperrt. Bei den Gleiserneuerungen im Sommer 2017 wurden die Trottoirs auf beiden Seiten um je 40 Zentimeter verbreitert.
2025 erinnerte Basel mit Ausstellungen und Publikationen an die erste urkundliche Erwähnung vor 800 Jahren und an den 120. Geburtstag des heutigen Steinbaus. Die Brücke bleibt Herzstück und Bühne der Stadt: Der Tanz von Vogel Gryff, Leu und wildem Mann, Kunstaktionen, politische Kundgebungen und der tägliche Passantenstrom schreiben ihre Geschichte täglich fort.
In acht Jahrhunderten wandelten sich Material, Breite, Tragkraft und Name. Die historische Bestimmung blieb unberührt: zusammenzuhalten, was der Rhein trennt.
Weiterführende Links: Brücken und Stadtgeschichte
- Das Käppelijoch und die dunkle Seite der Mittleren Brücke – Kapelle, Richtstätte und Schwemmstrafe im Rhein.
- Die Amazone von Carl Burckhardt – die Wächterin am Grossbasler Brückenkopf.
- Die Birsigmündung an der Schifflände – der unterirdische Stadtfluss mündet direkt neben der Brücke.
- Dossier uferlos: Basel und der Rhein – alle Beiträge zu Brücken, Uferbauten und Flussgeschichten.
- Basler Stadtbuch: 800 Jahre Mittlere Brücke – Bildessay mit historischen Aufnahmen aus acht Jahrhunderten.
- Christoph Merian Stiftung: Die Mittlere Brücke wird 800 – Hintergründe zur Finanzierung und Bedeutung für Basel.



