Interview mit Fährima Jacques Thurneysen

Basler Köpfe · Erinnerung
Als ich Jacques Thurneysen auf der Münsterfähre traf, stand er barfuss am Ruder. Sommer oder Winter spielte für ihn keine grosse Rolle. Zwischen diesem Mann und dem Rhein sollte offenbar möglichst wenig Material liegen.
Jac, wie ihn fast alle nannten, gehörte zu jenen Basler Figuren, die einen Ort nicht einfach bedienten, sondern verkörperten. Gross gewachsen, kräftiger Händedruck, wacher Blick. Er setzte Menschen vom einen Ufer zum anderen über und gab ihnen dabei bisweilen einen Gedanken mit auf den Weg.
Das folgende Gespräch entstand während seiner Zeit als Pächter der Münsterfähre «Leu». Heute ist es ein Stück Basler Erinnerung. Jacques Thurneysen ist pensioniert. Die Fähre blieb in der Familie.
Jacques Thurneysen trat Ende 2015 in den Ruhestand. Am 1. Januar 2016 übernahm sein Sohn Noa Thurneysen die Pacht der Münsterfähre «Leu». Schon als Kind hatte Noa viel Zeit auf den Fähren verbracht; seit 2003 arbeitete er nebenberuflich als Ablöser. Der Fähri-Verein dokumentierte den Generationenwechsel in seiner «Fähri-Zytig». Was im Gespräch noch als Möglichkeit erschien, wurde damit Familiengeschichte.

«Verzell du das em Fährimaa» lesen
Felix Burckhardt (1906–1992), genannt Blasius, 1955Verzell du das em Fährimaa!
Verzellt dir ix e Frind, e liebe
E Gschichtli, und de merggsch derby,
Dass är die wott uff d Rolle schiebe
Und dass sy Gschwätz nit wohr ka sy,
So luegsch en vo dr Syten a:
Verzell du das em Fährimaa!Mi stupfts, dä Spruch e bitzli z draihe.
Wie mängmoll – gang i d Stadt dury –
Entdegg i vyl, wo mi ka fraie;
Uff eimoll stand i dno am Rhy,
Und ganz im Ghaime kunnts mi a:
Verzell das doch em Fährimaa!I bi halt mit em Rhy verbunde;
Dur ihn kunnt mer my Heimet nooch.
Zwor mängs isch in der Stadt vrschwunde,
Vyl redt fir mi e fremdi Sproch.
So Scheens hets gha, wo nimme stoht …
Verzell du das em Grosse Root!S git ainewäg no gnueg hit z gniesse
In Basel linggst und rächts vom Strom,
Und mächtig iberm wyte Fliesse
Stoht als no unsre alte Dom.
Wär sait, er haig kai Fraid do dra?
Verzell du das em Fährimaa!
Das Gespräch auf dem Rhein
Jacques Thurneysen arbeitete ab 1989 auf der St.-Johann-Fähre «Ueli». 1994 übernahm er die Münsterfähre «Leu». Nach dem Einsteigen der letzten Gäste stiess er das Boot von der Anlegestelle am Fuss des Münsters ab. Während der Überfahrt zum Kleinbasler Ufer begann unser Gespräch.
Jacques Thurneysen, wie wurden Sie Fährimaa?
Ich bin Wasserfahrer und habe durch diesen Sport Walter Zimmerli, den ehemaligen Fährimaa auf dem «Vogel Gryff», kennengelernt. Er hat mir empfohlen, mich als Fährmann zu bewerben. Und es hat geklappt.
Für viele Gäste ist der Beruf des Fährimaa ein Traumjob und wird eher mit Müssiggang als mit Arbeit verbunden. Empfinden Sie das auch so?
Ja. (lacht)
Sie haben Tausende von Gästen über den Fluss transportiert. Was wurden Sie am häufigsten gefragt?
Wie tief ist der Rhein? Wie wird das Wetter? Die Fragen sind aber nicht so wichtig. Wesentlicher ist der Gesang, mit dem die Frage gestellt wird. Beim Münster ist übrigens die tiefste Stelle des Rheins in Basel, etwa fünf Meter. Sonst ist er zwischen drei und vier Meter tief.
Sie gelten als Philosoph und Exot unter den Fährleuten. Dazu trägt wohl auch bei, dass man Sie praktisch immer barfuss antrifft. Hat das Übersetzen vom einen zum anderen Ufer für Sie eine tiefere Bedeutung?
Das Übersetzen vom einen Ufer zum anderen hat immer Bedeutung, ob auf dem Rhein, im Leben oder überhaupt. Ich sage den Menschen auf meiner Fähre oft, dass wir jetzt von einem Ufer zum anderen übersetzen und dass dies auch symbolisch zu verstehen sei. Wir sterben in jedem Moment und beginnen immer neu zu leben. Und das ist genau das, was uns die Fähre erzählen will.
«Das Übersetzen vom einen Ufer zum anderen hat immer Bedeutung, ob auf dem Rhein, im Leben oder überhaupt.»
Die Basler Fähren werden auch für private Anlässe genutzt: für Apéros, Geburtstage, Hochzeiten, Taufen und sogar Bestattungen. Was boten Sie auf der «Leu» an?
Wegen ihrer langen Öffnungszeiten eignet sich die Münsterfähre am wenigsten für private Anlässe. Wer jedoch die Randzeiten akzeptiert, kann von der traumhaften Kulisse profitieren. In meiner Funktion als Kapitän habe ich tatsächlich auch schon ein Paar getraut. Der Bräutigam war ein guter Freund von mir. So halte ich es auch mit Taufen und Bestattungen: Wenn ich die Menschen nicht ausserordentlich gut kenne, müssen sie ihren Zeremonienmeister selber organisieren. Sonst ist es für mich eine Farce. Aber die Fähre stelle ich gerne zur Verfügung.
«Verzell das doch em Fährimaa» sagt man Leuten, die eine unglaubliche Geschichte erzählen. Glaubt der Fährimaa alles?
Ja. Es entspricht mir mehr, alles zu glauben, als alles infrage zu stellen.
Jeder Fährimaa kennt Geschichten über seine Gäste und den Rhein. Verraten Sie uns eine?
Das ist eine Ausnahme, normalerweise erzähle ich keine Geschichten: Vor einigen Jahren kam eine Grossmutter mit ihrer Enkelin auf die Fähre. Die Enkelin fing sich auf den rissigen Lärchenbänken eine «Sprisse», die im Kinderspital entfernt werden musste. Die Grossmutter fragte mich, ob es kein besseres Material für die Bänke gäbe. Ich sagte, Akazienholz wäre ideal, würde aber etwa 1000 Franken kosten. Darauf bot sie an, die Kosten zu übernehmen. Das hat sie dann auch getan. Seither habe ich Akazienbänke auf der Fähre.



Die Basler Fähren feierten 2004 ihren 150. Geburtstag. Diese Art des Brückenschlags wirkt viel älter.
Die Mittlere Brücke wurde 1226 anstelle der alten Fähre erbaut. Diese wurde wahrscheinlich nach demselben Prinzip wie die heutigen Basler Fähren betrieben. Sie war aber so selbstverständlich, dass es damals niemandem in den Sinn kam, sie schriftlich zu erwähnen. Verbrieft ist, dass am 14. November 1854 die Harzgrabenfähre auf der Höhe der heutigen Wettsteinbrücke in Betrieb genommen wurde. Als die Brücke gebaut wurde, war das auch das Ende dieser Fähre. Die Klingentalfähre fährt seit 1862, die Münsterfähre seit 1877. Die St.-Alban-Fähre kam 1894 hinzu. Die Schlachthausfähre wurde 1895 eröffnet, 1934 nach dem Bau der Dreirosenbrücke eingestellt und 1989 als St.-Johann-Fähre wiederbelebt. Das war für mich der Einstieg als Fährimaa.
Basel ist für seine Fähren bekannt. Warum spielen sie in anderen Städten an einem Fluss oft kaum eine Rolle?
Basel ist einmalig, weil auf beiden Seiten des Rheins gelebt wurde und die beiden Städte schon vor mehr als 600 Jahren fusioniert haben. In vielen anderen Städten war der Fluss lange peripher, diente als Abfallentsorger und war ein Krankheitsherd. Auch Basel erhielt erst 1982 eine zentrale Kläranlage, aber die Strömung war hier immer so stark, dass unser Mist schnell fortgespült wurde.
Der Beruf des Fährimaa wurde früher über Generationen weitergegeben. Zeigten Ihre Kinder bereits Interesse?
Ja. Aber um die innere Ruhe zu bekommen, die es bei dieser Arbeit braucht, müssen sie sich zuerst die Hörner abstossen.
Jacques Thurneysen
Jacques Thurneysen wurde 1950 in Paris geboren. Er besuchte in Basel die Primarschule im Hirzbrunnen, die Sekundarschule im Sandgruben-Schulhaus und anschliessend die Werkklasse. Nach einer Holzvorlehre absolvierte er eine Ausbildung zum Möbelschreiner.
Es folgten viele Jahre auf Reisen durch die nördliche Hemisphäre, eine Familiengründung und vier Jahre als Selbstversorger in den Vogesen. 1989 kehrte er nach Basel zurück und wurde Fährimaa. Von 1994 bis Ende 2015 prägte er als Pächter die Münsterfähre «Leu».
Was bleibt
Jacques Thurneysen war ein legendärer Fährimaa, weil bei ihm selbst eine kurze Überfahrt eine Geschichte bekommen konnte. Seine Antworten waren ernst und verschmitzt zugleich. Man wusste nie genau, wo die Erfahrung endete und die Philosophie begann. Vermutlich wusste er es selbst auch nicht. Das machte einen Teil seines Charmes aus.
Am Ende des damaligen Gesprächs sprach er von seinen Kindern. Sie müssten sich zuerst die Hörner abstossen, sagte er. Jahre später übernahm Noa die «Leu». Der Vater ging von Bord. Die Fähre fährt weiter.



