Das alte Basler Kinderspital am Rhein

Es gab ein Spital in Basel, in dem der Blick aus dem Fenster zur Medizin gehörte. Wo Kinderbetten zum Flussufer hin ausgerichtet waren und das Vorbeiziehen der Frachtschiffe Schmerzen für Momente vergessen liess. Eine Erinnerung an das alte Kinderspital am Kleinbasler Rheinufer – und an einen Ort, der heute ein anderes Gesicht trägt.

Das Fenster zum Fluss
Für Generationen von Basler Kindern war der Aufenthalt im «Kispi» mit einem ganz bestimmten Bild verbunden: dem Wasser vor der Fensterscheibe. Wer im Krankenzimmer lag, Fieber hatte, auf eine Operation wartete oder das Bein in Gips trug, blickte nicht auf graue Betonwände, sondern direkt auf die Lebensader der Stadt.
Die Lage am Rhein wirkte wie ein leiser Genesungsbeschleuniger. Da waren die schweren Kähne, die sich tief beladen und mit dumpf grollenden Motoren gegen die starke Strömung nach oben kämpften – und später, fast schwerelos und leichtfüssig, flussabwärts an den Fenstern vorbeitrieben. Viele kleine Patientinnen und Patienten kannten den Fahrplan der Schiffe besser als das Pflegepersonal. Sie wussten genau, zu welcher Stunde der legendäre «Kies-Ueli» im Blickfeld auftauchte, wann die weissen Schiffe der Basler Personenschifffahrt winkende Ausflügler vorbeibrachten oder wie die Schwäne am Ufer nach Futter tauchten.
Jahre später standen viele von ihnen als gesunde Erwachsene am Rheinbord – vielleicht an einem lauen Sommerabend oder beim Bundesfeuerwerk am Vorabend des 1. August, wenn die Raketen von genau jenem mächtigen Kiesschiff in den Nachthimmel stiegen. Und in diesem Moment kehrte die Erinnerung zurück: an das Kinderbett an der Römergasse, die Geborgenheit inmitten der Krankheit und den weiten Fluss, der draussen Tag und Nacht unaufhörlich weiterfloss.

Drei Schwestern und ein Versprechen für alle Kinder
Dass kranke Kinder überhaupt einen eigenen, geschützten Ort am Rhein erhielten, verdankte Basel einer bemerkenswerten Bürgerin: Anna Elisabeth Burckhardt-Vischer. Bereits 1846 hatte sie im Nebenhaus ihres Wohnsitzes an der St. Johanns-Vorstadt auf eigene Kosten ein kleines Spital für Kinder eingerichtet. Die ärztliche Leitung übergab sie dem praktizierenden Arzt und späteren Medizinprofessor Carl Streckeisen.
In ihrem Testament formulierte sie zusammen mit ihren Schwestern, Frau His-Vischer und Frau Birmann-Vischer, ein für die damalige Zeit revolutionäres soziales Vermächtnis: Die zu gründende Stiftung «Kinderspital in Basel» sollte jedem kranken Kind der Region offenstehen – ohne Rücksicht auf Herkunft, Heimat oder Religion. Und wo Familien die Mittel fehlten, war die Pflege unentgeltlich.
Aus dem Nachlass der Stifterinnen erwarb man das Ufergrundstück im Kleinbasler Wettsteinquartier. Am 2. Januar 1862 wurde das Spital feierlich eröffnet. Fast 150 Jahre lang blieb der Bau an der Römergasse ein Ort der Zuwendung und der medizinischen Pionierarbeit.
Der Abschied vom Fluss: Der Schritt zum UKBB
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts stiess die traditionsreiche Anlage an ihre Grenzen. Die moderne Kindermedizin verlangte nach Hightech, kurzen Wegen und einer engen Bündelung der Kräfte. 1999 schlossen sich das Basler Kinderspital und die Kinderklinik des Kantonsspitals Baselland (Bruderholz) zum Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) zusammen.
Der logische, aber wehmütige Schlusspunkt folgte im Januar 2011: Das UKBB bezog seinen bunten, hochmodernen Neubau auf dem Areal des alten Frauenspitals an der Spitalstrasse / Schällenmätteli. Für die medizinische Versorgung der Region war der Neubau ein Quantensprung. Nur eines liess sich nicht transportieren: Der Rhein blieb zurück.

Stadtwandel: Vom Spital zur Wohnadresse «Riva»
Nach dem Auszug des Spitals wurde das Areal am Schaffhauserrheinweg für eine Neunutzung freigegeben. In einem Wettbewerb setzte sich das renommierte Basler Büro Jessen + Vollenweider mit dem Projekt «Riva» durch. Auf dem Gelände entstanden vier versetzt angeordnete Baukörper mit Eigentums- und Mietwohnungen im gehobenen Segment.
Die Transformation löste in der Basler Öffentlichkeit spürbare Debatten über Gentrifizierung und Bodenpolitik aus. Kritiker und Quartierstimmen sahen in der hochpreisigen Wohnsiedlung ein Sinnbild für den Zeitgeist: Aus einem öffentlich gestifteten Ort der Heilung und Fürsorge wurde begehrte Uferlage für zahlungskräftiges Wohnen. Nach anfänglich zögerlicher Vermarktung hat sich die Siedlung längst im Wettsteinquartier etabliert.
Die Spitalgebäude sind verschwunden, die Holzfassaden der Neubauten sind nachgedunkelt. Doch wer heute am Schaffhauserrheinweg entlangspaziert und zu den Fenstern hinaufschaut, erinnert sich unweigerlich an jene Kinder, die von hier aus auf die Schiffe blickten – und für die dieser Fluss ein stummer Begleiter auf dem Weg zurück ins Leben war.
Weiterführende Links
- Der Rhein als Festarena – wie Schiffe, Feuerwerk und Menschen den Flussraum verwandeln.
- Die Basler Personenschifffahrt – die weisse Flotte, die Generationen von Spitalfenstern aus beobachteten.
- Dossier uferlos: Basel und der Rhein – Geschichten, Bauten und Erinnerungen entlang der Basler Ufer.
- Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) – der heutige Standort und das medizinische Zentrum an der Spitalstrasse.



