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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Geschichte der Wettsteinbrücke

Rund sechseinhalb Jahrhunderte lang war die Mittlere Brücke der einzige feste Übergang über den Rhein in Basel. Als die wachsende Stadt im 19. Jahrhundert einen zweiten Weg über das Wasser brauchte, stritten Bürger und Gelehrte erbittert über eine technische Zumutung: eine Brücke, die von Ufer zu Ufer bergauf führt. Die Geschichte der «Schiefen Brücke», ihrer monumentalen Basilisken und des diplomatischen Namensgebers.

Die Basler Wettsteinbrücke mit Blick auf das Grossbasler Ufer
Die Wettsteinbrücke: Basels zweitältester Rheinübergang verbindet Kleinbasel mit dem St. Alban-Graben.

Der Streit um die «Schiefe Brücke»

Vom Bau der Mittleren Rheinbrücke im 13. Jahrhundert bis tief ins 19. Jahrhundert hinein kanalisierten sich Handel, Fuhrwerke und Fussgänger durch eine einzige Flaschenhalsverbindung. Mit der Industrialisierung und dem raschen Bevölkerungswachstum wurde dieser Zustand unhaltbar. Bereits 1843 legten Ingenieure erste Entwürfe für eine Hängebrücke vor, die der spätere General Guillaume-Henri Dufour begutachtete. Dufour war es auch, der schon früh die kühne Idee unterstützte, den beträchtlichen Höhenunterschied zwischen dem flachen Kleinbasel und dem hochgelegenen Grossbasler St. Alban-Graben schlicht durch eine geneigte Fahrbahn zu überwinden.

Erst im Februar 1876 legte das Baudepartement unter Kantonsingenieur J. E. Tscharner das baureife Projekt vor: eine eiserne Bogenfachwerkbrücke auf zwei massiven Strompfeilern. Was verkehrstechnisch bestechend wirkte, sorgte in der Stadt für einen Sturm der Entrüstung. Mit einer Steigung von 2,67 Prozent stieg das Bauwerk stetig zum Grossbasel an. Der berühmte Basler Kulturhistoriker Jacob Burckhardt wetterte zeitlebens gegen das Projekt und rühmte sich später noch, «gegen diese ästhetische Infamie amtlich und öffentlich protestiert» zu haben.

Die Fachwelt urteilte anders: Ein Modell des Bauwerks wurde an der Pariser Weltausstellung 1878 mit einem Goldenen Diplom prämiert. Am 7. Juni 1879 wurde die neue «Harzgrabenbrücke» unter Kanonendonner und Marschmusik von der Bevölkerung begeistert in Besitz genommen.

Historische Ansicht der Wettsteinbrücke mit den vier Basilisken
Monumentaler Brückenschmuck: Die vier Basilisken des Bildhauers Ferdinand Schlöth auf der Brücke von 1880.

Vier Wächter und ein Diplomat

Im Herbst 1880 erhielt das Bauwerk seinen imposanten plastischen Schmuck: Auf den Widerlagerpfeilern wurden vier monumentale, jeweils drei Meter hohe und über fünf Tonnen schwere Basilisken aus Gusseisen aufgestellt. Entworfen hatte die Basler Wappentiere der renommierte Bildhauer Ferdinand Schlöth, während der Konstanzer Künstler Hans Baur die Gussmodelle schuf.

Ein Jahr später, 1881, erhielt der Übergang seinen endgültigen Namen: Wettsteinbrücke. Gewidmet war er dem Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein (1594–1666). Kaum ein Namenspatron hätte passender sein können: Wettstein war der Meister des diplomatischen Brückenschlags. Während des Dreissigjährigen Krieges schlichtete er zwischen den verfeindeten Konfessionen und handelte 1648 beim Westfälischen Frieden die völkerrechtliche Loslösung der Eidgenossenschaft vom Heiligen Römischen Reich aus. Wettstein selbst kannte die Ufergegend bestens – als Junge besuchte er die «Schule auf Burg», das heutige Gymnasium am Münsterplatz.

Umbau 1939 und die Odyssee der Fabeltiere

Das 20. Jahrhundert brachte das Automobil und den doppelspurigen Ausbau des Tramnetzes. Die alte Fachwerkbrücke wurde zu schmal. Unter Verwendung der bewährten Flusspfeiler wurde der Überbau grundlegend verbreitert und zu einer modernen Stahlbalkenbrücke umgestaltet. Am 4. Juni 1939 wurde die zweite Wettsteinbrücke eingeweiht.

Der Modernisierung fielen jedoch die vier markanten Brückenwächter zum Opfer. Die fünf Tonnen schweren Basilisken galten dem Zeitgeist der Dreissigerjahre als historistischer Ballast und wurden abtransportiert. Es folgte eine bemerkenswerte Odyssee: Ein Basilisk landete im Tierpark Lange Erlen, ein zweiter im Innenhof der Liegenschaft Schützenmattstrasse 35, während zwei Exemplare die Stadt ganz verliessen – eines ziert ein Privatgrundstück in Meggen am Vierwaldstättersee, ein weiteres gelangte nach Nyon an den Genfersee.

Calatrava-Vision versus Basler Pragmatismus

Ende der 1980er-Jahre zeigte die Brücke von 1939 gravierende Ermüdungserscheinungen. Die Debatte um den Nachfolgebau wurde zu einem der spektakulärsten Architektur- und Politkrimis der Basler Nachkriegszeit. Der international gefeierte spanisch-schweizerische Stararchitekt Santiago Calatrava legte einen spektakulären Entwurf vor: eine kühne, asymmetrische Harfenbrücke mit einem schräg geneigten, weissen Pylon am Kleinbasler Ufer, der die Brücke wie eine Harfe über das Wasser spannen sollte.

Das Projekt spaltete die Stadt: Für die einen war es ein weltstädtisches Kunstwerk, für die anderen ein egozentrischer Fremdkörper, der den vertrauten Blick auf das Münster dominieren und verstellen würde. Am 20. Mai 1990 sprach das Basler Stimmvolk ein klares Verdikt: Calatravas Projekt wurde an der Urne abgelehnt. Stattdessen entschieden sich die Stimmberechtigten für die zurückhaltende Sanierung und Erneuerung nach Plänen der Basler Architekten Bischoff & Rüegg.

Zwischen 1991 und 1995 entstand die heutige Brücke – elegant, flach gespannt und den Rheinraum respektierend. Und auch die Geschichte fand ihren versöhnlichen Schlusspunkt: Die Basler Bauverwaltung kaufte den Basilisken aus den Langen Erlen zurück. Seit Abschluss der Sanierung thront das Fabeltier wieder am Grossbasler Brückenkopf bei der St. Alban-Vorstadt und wacht über jene Überfahrt, die einst als «Schiefe Brücke» Geschichte schrieb.

Weiterführende Links: Basler Brückengeschichten